Unsupported Ultracycling: Sinnnfrage, Philosophie, Psychologie

"Why are you doing this?"

Eigentlich bin ich gerade dabei, meine Erlebnisse beim Atlas Mountain Race 2026 von Anfang Februar aufzuschreiben. Uneigentlich wollte dieses Stück hier aber zuerst aus dem Kopf, und der Text über das Rennen (der noch nicht fertig ist) nahm immer wieder eine Richtung, die viel mehr mit innerem Verarbeiten zu tun hatte als mit einem Erlebnisbericht. Es ist jetzt Mitte April, und ich brauchte eine Weile, um das zu verdauen, was ich in Marokko erlebt habe. Was es mit mir gemacht hat. In diesem Text habe ich das Erlebnis weitgehend außen vor gelassen und befasse mich mehr mit der Psychologie des Ultracycling. Mit der Sinnfrage. Natürlich nur aus meiner subjektiven unwissenschaftlichen Wahrnehmung. Die Fragen, die ich mir hier stelle, kann jeder für sich selbst beantworten. Es ist eine aufschlussreiche Übung in Selbstreflektion, unabhängig vom Lebensalter.

Unsupported Ultracycling

Atlas Mountain Race 2026: Nach vier Stunden Anstieg im Dauerregen auf der im letzten Moment nochmals geänderten Route (wegen der schlechten Bedingungen) fuhren wir von Beni Mellal in die Berge, in die Wolken und in die Nacht des Hohen Atlas, während der Wind zunahm und die Temperaturen immer weiter gegen den Gefrierpunkt fielen, bis der Regen schließlich zu gefrieren begann und die kalten Finger gefühllos zu werden begannen. Foto: Nils Laengner © 2026

Die Fabel vom Fuchs und den Trauben


Vom Hunger getrieben machte sich auf der Höhe eines Weinbergs
ein Fuchs an Trauben heran, indem er mit aller Kraft nach ihnen sprang.
Da er sie aber nicht erreichen konnte, sagte er im Weggehen:
„Sie sind noch nicht reif, und sauer will ich sie nicht haben.“



Wer das, wozu er nicht in der Lage ist, mit Worten herunterspielt,
der sollte sich dieses Beispiel zu Herzen nehmen.


Äsop, griechischer Dichter, um 440 v. Chr.



„An Ultracycling-Rennen nimmst du teil, um herauszufinden, wer du bist.
Hinterher weißt du’s“,


schrieb ich im letzten Jahr. Das ist nicht von mir, und es gilt für jede Extremsportart: In Extremsituationen stellst du dir unweigerlich irgendwann die Sinnfrage. Und es lohnt sich sehr, auch später nochmal sorgfältig in sich hinein zu horchen und vielleicht Wahrheiten oder Entwicklungen zu entdecken, die dir gar nicht so klar waren.


Für mich war 2026 „nach dem Rennen“ ganz anders als 2025. Beide Male war ich nicht in die Wertung gekommen, aber meine eigenen Schlüsse fielen sehr unterschiedlich aus. 2025 hatte ich so viele Fehler gemacht und war mitten im Rennen mehr oder weniger unverschuldet krank geworden (an einem Virus, den ich mir aus dem winterkalten München mitgebracht haben muss), dass ich problemlos festhalten konnte an meinem Selbstbild des aktiven Ausdauersportlers. An meiner Überzeugung, ich könne dieses Rennen jederzeit in der Wertung finishen - würde ich nur weniger Fehler machen,  mich noch besser vorbereiten.


Dieses Jahr habe ich kaum Fehler gemacht und bin trotzdem nicht rechtzeitig angekommen, außerhalb der Wertung. Immerhin aber habe ich nicht aufgegeben, das Ziel erreicht, für mich gefinisht. Das erzeugt eine Mischung aus Stolz und Demut in mir. Was dieses Jahr aber definitiv endete, ist das Bild des aktiven Sportlers, der in der Lage ist, seine Grenzen noch immer weiter auszudehnen. Mit 60 Jahren ist es ja auch mal höchste Zeit dafür geworden.


„Aufgeben ist keine Option“ wird aber auch dann zum Denkfehler, wenn deine Ambitionen nicht mehr zum Alter passen. Das führt schnell zu einer mitleiderregenden Art von Verbissenheit – alle sehen es, nur du selber willst es nicht sehen.


„Cycling has taught me that I can keep going long after I think I can’t“


„Aufgeben ist keine Option“ habe ich über Jahre verinnerlicht. Es ist zum Mindset geworden, eine Lebenshaltung, eine Kraftquelle. Sie hilft dir, Ziele so lange zu verfolgen, bis sie erreicht sind, gegen alle Schwierigkeiten, Rückschläge und Enttäuschungen. Das Leben besteht nun mal nicht vor allem aus Erfolgen, sondern meistens aus Rückschlägen und Enttäuschungen. Wer nicht gelernt hat, damit umzugehen, hat es schwer. Durchhaltevermögen ist unverzichtbar im Beruf, im Alltag.


Ehemalig Leistungssportler, Ultra-Ausdauersportler und häufig auch Ex-Militärs sind Meister des Nicht-Aufgebens (Jonas Deichmann hat daraus ein ganzes Beratungs-, Geschäfts- und Lebensmodell gemacht, er gilt als einer der mental stärksten Menschen der Welt).


Aber die Wirklichkeit ist niemals ganz eindeutig: Es gibt eben auch Punkte, an denen es einfach keinen Sinn mehr hat, ein Ziel weiter zu verfolgen. Du reitest ein totes Pferd? Steig ab! Es kann sogar lebensgefährlich werden, in den Bergen zum Beispiel. In hochalpinem und ausgesetztem Gelände gilt die Fähigkeit, rechtzeitig abbrechen und umkehren zu können, als zentrale Fähigkeit und als Charakterstärke - noch wichtiger als jedes Durchhaltevermögen oder alpinistisches Können. Es ist keine Schwäche, sondern Voraussetzung um beim extremen Bergsteigen langfristig am Leben zu bleiben. 

Badlands Ultracycling

Atlas Mountain Race 2026: Die Einsamkeit von 13,5 Stunden langen Nächten, die Kälte, der Regen, der Staub, die Angst vor Hunden, der Schlafentzug. Du setzt dich freiwillig aus, um intensiver zu leben. Unsupported Ultracycling - künstlich verschärfte Bedingungen für all deine Sinne. Foto: Lloyd Wright © 2026

Vier Warnmeldungen von der Rennleitung während des Atlas Mountain Race 2026. Sie vermitteln ein Gefühl für die außergewöhnlichen Bedingungen in diesem Jahr. Tollwut ist in Marokko endemisch, theoretisch reicht der Kratzer von einer Katze. "Very strong wind" hieß: 120 Km/h Gegenwind am Bergpass - nach Beaufort Windstärke 11 oder "orkanartiger Sturm". Die Wahrnehmung wie es wirklich war, fällt aber auch unter den Teilnehmenden individuell sehr verschieden aus.

Die Welt wäre erheblich langweiliger ohne diejenigen, die riskieren, zu weit zu gehen


Also nochmal: Why are you doing this? Mit 20 ist die Antwort einfach: Um zu gewinnen! Rauszufinden, wie gut du im Vergleich mit anderen bist. Deine wahren Grenzen kennenzulernen. Das ist nicht nur vollkommen in Ordnung, es ist notwendig für die eigene Entwicklung. Mit 20 sind Wettkämpfe vor allem ein Kräftemessen, ein Sich-Vergleichen. Du willst der Beste sein, deine Gegner schlagen, dich über andere erheben, herausragen, ganz oben stehen auf dem Podium. Du suchst deine Rolle in der Gesellschaft, auch in der Hackordnung.


Das ist ausgesprochen maskulin, man kann es kritisieren und schwierig finden - aber ohne diesen „Ich-bin-der-Beste-Egoismus“ wäre kein Spitzensport möglich, keine Spitzenleistung, nicht jene faszinierenden Sternstunden des Sports, in denen Athletinnen über sich hinauswachsen, unmöglich Geglaubtes erreichen, die Grenzen des Menschenmöglichen verschieben. Die Welt wäre erheblich langweiliger ohne all die Pioniere und Spitzenleute, die beim Austesten ihrer eigenen Grenzen in Kauf genommen haben, zu weit zu gehen.


Ja, selbstverständlich: Es gibt genauso viele Frauen mit genau dem gleichen kompetitiven Mindset, auch wenn sie meist viel zurückhaltender und weniger lärmend dabei auftreten als die Männer. In Extremsituationen ist Zurückhaltung nachweislich ein Vorteil, weil es zu weniger riskanten und besonneneren Entscheidungen führt. Männer neigen eher dazu, einem veralteten Männlichkeitsbild von Härte, Heldentum und Selbstverleugnung zu folgen - und dann zu aggressiv zu handeln und zu weit zu gehen. Das ist mittlerweile gut erforscht. Muss am Testosteron liegen. Aber auch am männlichen Selbstbild.


Startest du, um von der Welt gesehen zu werden? Oder um die Welt zu sehen?


Beim (extremen) Bergsteigen habe ich Bergführer, Kletterer und Seilpartner kennengelernt, die Weltklasseleistungen in der Wand und im Eis zeigten – aber nicht das geringste Interesse daran hatten, das irgendwie an die große Glocke zu hängen, im Gegenteil. Sie hatten eine regelrechte Aversion gegen diese ganzen "Insta-Alpinisten", die sich durch geschickte Bildwahl. Sie haben das alleine für sich selbst gemacht. Vielleicht noch für einen sehr kleinen Kreis Eingeweihter, die überhaupt in der Lage waren zu beurteilen, was wirklich schwer war und was einfach nur Social-Media-Fake. Es steckt eine tiefe innere Weisheit darin, sich nicht vom Urteil einer Masse abhängig zu machen, die deine Leistungen sowieso nicht annähernd bewerten kann und die – besonders in Deutschland – nur darauf wartet, dich fallen lassen zu können, sobald du nur eine bestimmte Sichtbarkeit und Fallhöhe erreicht hast. Oder noch anders: Die sich null für dich interessiert, weil sie dich ja auch gar nicht persönlich kennt.


Diese in sich ruhenden Bergmenschen haben mich tief beeindruckt und zum Nachdenken gebracht: Machst du das selbst, um von der Welt gesehen zu werden? Oder um die Welt zu sehen? Als Medienmensch denkst du ja automatisch in guten Bildern, Erzählungen, Heldenreisen, Plattformen, Kommunikationskanälen. Öffentlichkeit und Sichtbarkeit und die damit verbundene Aufmerksamkeit sind ziemlich sicher eine Art von Gift, das zeigen ja all die Diskussionen um Social Media: Aufmerksamkeit, Reichweite, Klicks, das berauscht dich wie Alkohol, macht dich abhängig – und zerstört dich auf Dauer, sofern du die Menge und Häufigkeit nicht in den Griff bekommst. Aufmerksamkeit ist eine Droge, und die Plattformen haben es zur Perfektion getrieben, Menschen jeden Alters und Geschlechts abhängig zu machen und auszubeuten. Und sie bilden auch nicht die Wirklichkeit ab: Die Neigung, nur Spitzenleistungen zu feiern und zu überhöhen, führt zu einer Entwertung und Normalisierung des Außergewöhnlichen: Es sieht aus, als könnten alle da draußen Weltklasse-Leistungen bringen. Nur du armes Würstchen nicht. Es führt zu einem vollkommen verzerrten Wirklichkeitsbild.


Mit 60 Jahren wird die Frage „warum tust du dir das an?“ ohnehin noch ein bisschen komplizierter: Warum bist du nicht längst einfach so unterwegs, ohne diesen erbarmungslosen Mix aus sadistischer Streckenplanung, engem Zeitlimit und grenzwertigen äußeren Bedingungen? Gewinnen kannst du doch sowieso nichts mehr (konntest du eh nie, es fehlte dir doch immer an Talent!). Warum ist es dir trotzdem so wichtig, in einer Wertung aufzutauchen? Geht‘s dir im Kern vielleicht doch gar nicht ums Erlebnis, sondern um besagte Aufmerksamkeit? Es wäre gelogen, an dieser Stelle nicht ein gewisses Maß an Eitelkeit zuzugeben. Aber ich bin drüber weg. Disclosure: Meinen Insta-Account mit knapp 9.000 Followern habe ich gerade stillgelegt. Facebook habe ich bereits vor Jahren gelöscht. Meta kann mich mal, TikTok genauso.


Ich hatte eine Zusage für einen der raren Startplätze für die Erstaustragung das Taurus Mountain Race im Oktober 2026 in der Türkei. Ich habe ihn zurückgegeben.


“Dear Nelson, dear Mountain Races team,

if I've learned anything from this year's Atlas Mountain Race, it's to accept my age and my limits (as much as I loved to reach Essaouira exhausted but undamaged finally by bike on day 11). My mind is still full of enthusiasm, but my body is telling me pretty clearly that it's no longer willing to support such combinations of endless nights, sleep deprivation, extreme weather conditions, lack of food and continuous exertion. 


The Taurus Mountain Race in October will be even longer and involve even more elevation gain. Probably impossible for me to finish, certainly more suffering than fun. I am therefore withdrawing my application for the Taurus Mountain Race and will be happy to give my starting place to a younger and stronger participant from the waiting list. Time has come for me to give up ultracycling races and switch to bikepacking...


cheers - and thank you for offering this outstanding experiences,

Hartmut Ulrich“


Traka, Gravel

Schlafplatz am Ende der Old Colonial Road, der alten Passstraße aus den Zeiten der französischen Kolonialbesatzung Marokkos. Sie steigt stundenlang an und ist durch Erdrutsche an zwei Stellen unpassierbar. Die Schönheit des Landes und die Einsamkeit berühren dich tief - die an sieben unterschiedlichen Stellen durchlöcherte (und deswegen auf dem Foto luftleere) Isomatte allerdings auch. Überall gibt es diese nadelfeinen harten Dornen, die deinen Reifen zusetzen - der Matratze auch. Foto: Hartmut Ulrich © 2026

Willst du wirklich wirklich schnell sein? Dann hast du erst gar keine Isomatte mit, die Löcher bekommen könnte und legst nur dann einen Power Nap ein, wenn es gar nicht mehr anders geht. Ich weiß nicht, wer dieser Teilnehmer ist und wie er das Rennen beendet hat. Foto: Stephen Shelesky, 2026

„There’s not much adventure left. Unless you look for it”


Jetzt ist die Frage ja immer noch nicht klar beantwortet: Why are you doing this? Es ist, kurz gesagt, die künstliche Verschärfung des Erlebnishorizonts durch die besonderen Spielregeln des Wettbewerbs beim unsupported Ultracycling. Aus freien Stücken wärst du kaum mit massivem Schlafentzug nächtelang in unbekanntem Terrain unterwegs. Du würdest nicht freiwillig dein bepacktes Rad sechs Stunden lang bei krassem Sturm zu Fuß über einen Pass in 2.700 Metern Höhe schieben. Du würdest nicht bei Minusgraden freiwillig über eine völlig vereiste Piste rollen, nachdem du zuvor vier Stunden lang vom strömenden Regen durchweicht wurdest: Du begibst dich freiwillig in eine potenziell gefährliche Situation, kannst aber jederzeit aussteigen aus den Spielregeln und schnell zurückkehren in eine „normale“ Welt. Unter normalen Umständen würde jeder sagen: der hat sie nicht alle! Unter den Spielregeln des Ultracycling ist es ... ein Spiel.


Der Schlafentzug macht dich dünnhäutiger, bringt dich näher an deine mentalen und körperlichen Limits, reißt dich früher aus jeder Art von Komfortzone. Kurz: Ultracycling erzeugt eine durch seine Spielregeln bewusst verschärfte Umgebung, in der du als Einzelner noch viel stärker und extremer „ausgesetzt“ bist als bei allen anderen Formen des Unterwegsseins. Du empfindest tiefer, intensiver, fühlst dich einsamer, bist mehr ganz auf dich selbst zurückgeworfen, auf deine Möglichkeiten, dein Empfinden, deine Gedanken. Das versteht nur, wer sich diesen Spielregeln einmal selbst ausgesetzt, sie am eigenen Körper gespürt hat. Es ist unbeschreiblich. Und es hängt nicht vom Alter ab.


Am Berg ist das anders: Dort bist du schnell in einer objektiv gefährlichen Situation, die jederzeit ins Lebensgefährliche eskalieren kann und aus der du ohne fremde Hilfe oder vielleicht gar nicht mehr so ohne weiteres aussteigen kannst. Beim Ultracyling meistens schon.


You don’t stop cycling when you get old. You get old when you stop cycling.


Aber es gibt definitiv eine Grenze, wo das Spiel keins mehr ist. Im Atlas Mountain Race habe ich sie nach sechs Tagen überschritten, da war die Spitze des Rennens längst im Ziel. Die wilde Freude an der rohen Ursprünglichkeit des selbst gewählten Abenteuers nahm ab da rapide ab. Sie wurde überlagert von der Gewissheit, mich nun in eine Zone zu begeben, wo die Intensität des Erlebnisses nicht mehr zunehmen würde, dafür aber die Schmerzen, der körperliche Verschleiß, vielleicht sogar dauerhafte Schäden. Das verändert dich. Du kommst aus dem Abenteuer nicht mehr zurück mit „Krone richten, weiter geht’s“, sondern mit einer tiefen inneren Demut. „Du kennst deine Grenzen“, flüstert dein Inneres. „Fahr gern weiter Rad, gern auch ambitioniert. Aber akzeptiere es einfach als Akt der persönlichen Entwicklung, dass du in solchen Veranstaltungen nichts mehr zu suchen hast.“ Die Berge lehren dich Demut. Das Ultracycling auch.


An Checkpoint 3 habe ich mich, noch in der Wertung und auf Platz 138 von 270 in der Gesamtwertung liegend, vom Gedanken verabschiedet, ein Rennen zu fahren. Ab da bin ich nicht mehr in der Nacht gefahren, habe ausreichend geschlafen, die letzten 400 Kilometer im Bikepacking-Modus zurückgelegt – und die Fahrt und das Überqueren der Ziellinie genossen. Es war die Entscheidung, aus der künstlich verschärften Realität des Wettbewerbs auszusteigen und zurückzukehren in die immer noch außergewöhnliche Wirklichkeit einer Radreise durch Marokko.

Badlands Ultracycling

Die Britin Kerry MacPhee finishte das Atlas Mountain Race 2026 in 5 Tagen, 14 Stunden, 5 Minuten auf Platz 25 in der Gesamtwertung, als zweitbeste Frau auf dem Podium. Ich brauchte mit 11 Tagen mehr als das Doppelte der Zeit - 1,5 Tage zu viel, um überhaupt als Finisher gewertet zu werden. Beide gingen wir an unsere Grenzen, sie als Top-Athletin, ich als einer von fünf Startern Ü60. Foto: Lloyd Wright © 2026

Wie Du Dich nach extremer Belastung maximal schnell erholst:
Hab kein Geburtsjahr, das mit 19 beginnt.


Mein Geburtsjahr ist, äh, so sorry for me, 1965. Es hat einige Wochen gedauert, bis Körper und Geist wieder in die Normalität zurückkehrten. Wochenlang nach dem Atlas Mountain Race 2026 war ich in Gedanken immer wieder in der Dunkelheit unterwegs, im fahlen Licht meiner LED-Leuchten, auf einsamen steinigen Pisten, das bepackte Rad steile Anstiege mehr hinaufschiebend als fahrend, gegen den erbarmungslosen Wind, gegen die Müdigkeit, gegen die Schnecke, die Trail Snail, jenen digitalen Besenwagen, der dir unbarmherzig signalisiert, dass du nicht schnell und nicht stark genug bist. Dieser tagelange Mangel an Essen, Wasser, Schlaf. Noch Wochen später habe ich regelrechte Fressattacken, der Körper überkompensierte sein Schockerlebnis. NOhc nicht abschließend beantwortet habe ich die Frage, ab wann ein Erlebnis umschlägt von „maximal intensiv“ in „traumatisch“. Diese Grenze habe ich zum Glück nicht überschritten. Aber so unendlich weit entfernt war sie auch nicht.


Auf dem Rad saß ich bald wieder, eine Woche nach der Rückkehr, auf dem Rennrad. Was für ein Genuss, mit dem federleichten unbepackten Bike nahezu mühelos auf glattem Asphalt dahinzurollen! Dieser Flow! Bis auf zwei etwas taube Finger (das kenne ich schon von Badlands, es dauerte ein halbes Jahr, bis sich die Nerven regeneriert hatten) gibt es keinerlei Schäden zu beklagen, keine Verletzungen, keine Beschwerden oder Spätfolgen, keine Knieprobleme, nichts. Ich bin unendlich dankbar dafür, wenn ich die Youtube-Videos anderer Teilnehmer sehe, die mit Knieschmerzen, Staublunge und Magenproblemen zu kämpfen hatten und sich möglicherweise dauerhafte Spätschäden zugefügt haben. Der Körper sendet aber noch Wochen später deutliche Signale von Übertraining. Mein Körper ist mein Freund, kein Gegner, den es zu besiegen gilt. Es ist wichtig, auf ihn zu hören, ihn zu respektieren, zu mögen.


Epilog: Nirgendwo als im Ultracycling ist der Weg mehr das Ziel


Bis Platz 10 oder vielleicht auch 20 eines Ultracycling-Wettbewerbs gilt die Überzeugung „Second is first of the losers“. Du bist nicht angetreten, um Zweiter zu werden. Du willst gewinnen. Weiter hinten gilt: Du musst nicht siegen, um zu gewinnen. Das sin zwei sehr verschiedene Motivationen.


Ultracycling ist intensivstes Leben, unfassbar dichtes Erleben. Du bist ganz auf dich selbst zurückgeworfen. Niemand darf dir helfen, so sind die Spielregeln. Du bist allein mit deinen Emotionen, Ängsten, Bedürfnissen. Das Leben in dieser Parallelwelt ist maximal hart – aber auch maximal vereinfacht. Es geht um Wasser, Essen, Schlaf, Kleidung, Hygiene, das Rad - und den Weg. Sonst um nichts. Du erlebst ein Land auf einen Weise, wie kein Tourist es jemals erleben wird. Seine Schönheit, seine Menschen, seine Natur, seine Gerüche, die Einsamkeit der Weite, der Nacht. Der Schlafmangel macht dich sensibler, dünnhäutiger, verletzlicher. Nie warst du mehr „in der Welt“, radikaler im Jetzt und Hier, näher an der Erde, intensiver Mensch, Lebewesen, Tier.


Vielleicht kommen uns solche Aktivitäten nur so nutzlos vor, weil wir westlichen Wohlstands- und Erfolgsmenschen es verlernt haben, Dinge anders zu betrachten als rein ökonomisch. Ironischerweise wächst tiefer Sinn in den vermeintlich sinnlosesten Aktionen. Könnte es vielleicht sein, dass dieses Ständige Abgleichen des eigenen Lebens auf seine ökonomische Verwertbarkeit ein Denkfehler ist? Eigentlich spüren wir das alle...


Nie war der Weg mehr das Ziel. Es ist der schönste Sport der Welt.


Put me back on my bike!

Kurze Erholung während des Gravelrennens "Badlands" 2022 im spanischen Andalusien. Dieses rund 780 Kilometer lange Offroad-Rennen ist mittlerweile so beliebt in der Ultracycling-Szene, dass es kaum noch möglich ist, einen der begehrten rund 300 Startplätze zu ergattern. Wir sind es seinerzeit zu zweit gefahren - ein völlig anderes Erlebnis als ein Solo-Rennen. Foto: Christian Thill © 2022