Über die Sinnfrage im Ultracycling
"Why are you doing this?"
Eigentlich bin ich gerade dabei, meine Erlebnisse aus dem Atlas Mountain Race 2026 aufzuschreiben. Uneigentlich wollte dieses Stück hier aber zuerst aus dem Kopf, und der Text über das Rennen (der noch nicht fertig ist) nahm immer wieder eine Richtung, die viel mehr mit innerem Verarbeiten zu tun hatte als mit Erlebnisbericht. Es ist jetzt Mitte April, ich brauchte ein paar Wochen, um die Eindrücke zu verarbeiten. In diesem Text befasse ich mich mit dem, was in meinem Kopf passierte. Natürlich nur aus subjektiver, unwissenschaftlicher Wahrnehmung. Die Fragen, die mich hier beschäftigen, kannst du dir aber auch alle selber stellen: Sie sind äußerst aufschlussreiche Übungen in Selbstreflektion - unabhängig von Sportart, Geschlecht oder Lebensalter.
Der kurze Trailer erzählt zwischen den Zeilen eine Menge über Ultracycling. Nelson Trees ist der Gründer der Mountain Races. Zur Einstimmung.

Atlas Mountain Race 2026: Nach vier Stunden Anstieg im Regen auf der im letzten Moment nochmals veränderten Route fuhren wir von Beni Mellal in die Berge (wegen der schlechten Bedingungen verliefen die ersten rund 300 km auf Asphalt). Wir fuhren in die Wolken hinein, in Nacht und Nebel des Hohen Atlas, während der Wind zunahm und die Temperaturen gegen Null fielen, bis der Regen schließlich zu gefrieren begann und die kalten Finger gefühllos wurden. Foto: Nils Laengner © 2026
Prolog: Die Fabel vom Fuchs und den Trauben
Vom Hunger getrieben machte sich auf der Höhe eines Weinbergs ein Fuchs an Trauben heran, indem er mit aller Kraft nach ihnen sprang.
Da er sie aber nicht erreichen konnte, sagte er im Weggehen: „Sie sind noch nicht reif, und sauer will ich sie nicht haben.“
Wer das, wozu er nicht in der Lage ist, mit Worten herunterspielt,
der sollte sich dieses Beispiel zu Herzen nehmen.
Äsop, griechischer Dichter, um 440 v. Chr.
„An Ultracycling-Rennen nimmst du teil, um herauszufinden, wer du bist.
Hinterher weißt du’s“,
schrieb ich im letzten Jahr. Das ist nicht von mir, und es gilt prinzipiell für jedes extreme Outdoor-Erlebnis. In Extremsituationen stellst du dir unweigerlich die Sinnfrage. Es lohnt sich, aber auch ein paar Wochen später nochmal sorgfältig in sich hinein zu horchen.
Für mich war „nach dem Rennen“ 2026 ganz anders als 2025. Beide Male habe ich es nicht in die Wertung geschafft. 2025 hatte ich zahlreiche Fehler gemacht und war mitten im Rennen krank geworden, was schlussendlich zum Abbruch führte (an einem Virus, den ich mir aus dem winterkalten München mitgebracht oder bei der Anreise in Verkehrsmitteln voller hustender und schniefender Menschen eingefangen haben muss). Ich konnte 2025 problemlos festhalten an meiner Überzeugung, ich könne dieses Rennen in der Wertung finishen, würde ich nur weniger Fehler machen, mich besser vorbereiten, nächstes Mal von der Grippesaison verschont bleiben.
Dieses Jahr wurde ich nicht krank. Ich habe so gut wie keine Fehler gemacht - und bin trotzdem nicht rechtzeitig ins Ziel gekommen. Es gibt keine Ausreden: Ich bin nicht mehr stark genug für ein solches Rennen - mental durchaus - aber körperlich nicht. Ich habe nicht aufgegeben, nicht abgebrochen, die Route zu Ende gefahren, aus eigener Kraft, auf dem Rad. Aber nicht im Zeitlimit, nicht in der Wertung. Das Ziel auf diese Weise erreicht zu haben, hinterlässt in mir einen seltsamen Emotionen-Cocktail aus Enttäuschung, Demut und Stolz. 1.440 kilometers for nothing. Why are you doing this?
Du machst diese Wettbewerbe vor allem für dich selbst. Sie sind wenig publikumstauglich, dazu sind sie viel zu lang, zu verteilt, zu wenig sichtbar, für Außenstehende kaum nachvollziehbar. Selbst wenn du weit vorne in der Wertung durch das alte Stadttor in Essaouira über die Ziellinie rollst (die ja nur virtuell existiert, nicht als Linie am Boden, nicht als Zielbogen), wäre niemand da, um dich zu bejubeln, außer ein paar zufälligen Touristen vielleicht, die pikiert zur Seite treten würden, den verdreckten und verschwitzten Dirtbag verwundert anstarrend, der offensichtlich kein Einheimischer ist aber in dem Zustand auch definitiv nicht aus einer der umliegenden Touristenburgen kommen kann. Das ist der Charakter des Ultracycling: Es gibt nichts drumrum, keine Show, keinen Zielbogen, kein Podium, keine Zuschauer, kein Preisgeld. Aber es ist dir nicht egal, wenn sie deine Brevet-Karte abstempeln, dieses schlichte Stück Pappe, dort, wo "CP3" steht oder "Finish". Es ist nicht egal, wenn dir am Ende ein Stempel fehlt oder zwei. Wie absurd: ein Stempel! Alles passiert ausschließlich im Kopf.
Dieses Jahr habe ich mich von etwas verabschiedet: dem Selbstbild des aktiven Ausdauersportlers. Der hatte seine Leidenschaften erst viel zu spät im Leben auszuleben begonnen und deswegen seine Möglichkeiten sehr lange noch nicht ausgereizt, traute sich immer noch mehr zu, wollte noch weiter, härter, schwieriger. Das Atlas Mountain Race hat nun die Grenzlinie gezogen. So wie vor ein paar Jahren in den Westalpen
am Obergabelhorn, einem wundervollen Viertausender in direkter Nachbarschaft des Matterhorn, ähnlich hoch, ähnlich schwierig, nur nicht so überlaufen wie der Prestigeberg. Zwei Tage nach
der Dent Blanche
(ebenfalls ähnlich hoch und schwierig wie das Matterhorn) und zwei Wochen nach
dem Eiger
(auch ein Prestigeberg aber so anspruchsvoll, dass du trotzdem eher für dich bleibst). Plötzlich war sie weg, diese Getriebenheit, nach einem abgeschlossenen Projekt sofort das nächste ins Auge zu fassen, ein noch schwierigeres natürlich. Einfach verschwunden. Bekanntlich gibt es zwei Dramen im Leben: Die Nichterfüllung eines Traums - und seine Erfüllung. Dieses Mal war es eine dritte Variante: Der Traum war einfach nicht mehr da.
„Cycling has taught me that I can keep going long after I think I can’t“
„Aufgeben ist keine Option“ habe ich über Jahre verinnerlicht. Es ist zum Mindset geworden, eine Lebenshaltung, eine Kraftquelle. Sie hilft dir, Ziele so lange zu verfolgen, bis sie erreicht sind, gegen alle Schwierigkeiten, Rückschläge und Enttäuschungen. Das Leben besteht nun mal nicht vor allem aus Erfolgen, sondern viel häufiger aus Rückschlägen, Enttäuschungen, Niederlagen. Wenn du damit nicht umzugehen gelernt hast, hast du definitiv ein Problem.
Ehemalige Leistungssportler, Ultra-Ausdauersportler (und häufig auch Ex-Militärs) sind Meister des Niemals-Aufgebens. Jonas Deichmann hat daraus ein ganzes Beratungs-, Geschäfts- und Lebensmodell gemacht, er gilt als einer der mental stärksten Menschen der Welt.
Aber die Wirklichkeit ist niemals ganz eindeutig. Es gibt eben auch Punkte, an denen es einfach keinen Sinn mehr hat, ein Ziel weiter zu verfolgen. Auch Jonas Deichmann wird diesen Punkt irgendwann erreichen und sich dann neuen, ungewohnten Fragen stellen müssen. Du reitest ein totes Pferd? Steig ab! Es wird sonst irgendwann peinlich, mitleiderregend, "cringe". Alle sehen es, nur du selber nicht. Was will der Opa da am Start? "Jetzt kommen sie schon zum Sterben her!" (Szenespruch aus einem Münchner Club für Gäste Ü30).
Im schlimmsten Fall wird es lebensgefährlich, in hochalpinem und ausgesetztem Gelände zum Beispiel. Am Berg gilt die Fähigkeit, rechtzeitig abbrechen und umkehren zu können, als zentrale Fähigkeit und als Charakterstärke - noch wichtiger als jedes Durchhaltevermögen oder alpinistisches Können. Abbrechen und Umkehren zu können ist dann keine Schwäche, sondern Voraussetzung, um am Leben zu bleiben. Was ist ein guter Bergsteiger? Ein alter...
Ab welchem Alter wird es also peinlich, an der Startlinie eines Radrennens aufzutauchen? Kommt natürlich auf den Wettbewerb an. Darauf, was du selber auf das Urteil anderer gibst. Was du aus der Teilnahme an einem Rennen für dich gewinnst. Der Franzose
Robert Marchand
stellte im zarten Alter von über 100 Jahren noch mehrere Stundenweltrekorde auf der Bahn auf. Weltrekorde waren es, weil für Menschen über 100 schlicht keine Zeitnahmen existierten. Mit 102 Jahren verbesserte er seinen eigenen Stundenweltrekord noch ein weiteres Mal. Man muss sich Robert Marchand als glücklichen Menschen vorstellen. Es kommt also gar nicht aufs Alter an. Sondern was du daraus machst.

Die Einsamkeit der 13,5 Stunden dauernden Dunkelheit, der Wind, die Kälte, der Regen, der Wüstenstaub, die Angst vor Hunden, der Schlafentzug: Du setzt dich freiwillig Extremen aus, um intensiver zu leben. Unsupported Ultracycling - das sind künstlich verschärfte Bedingungen für all deine Sinne. Foto: Lloyd Wright © 2026
Vier Warnmeldungen von der Rennleitung während des Atlas Mountain Race 2026. Sie vermitteln ein Gefühl für die außergewöhnlichen Bedingungen in diesem Jahr. "Very strong wind" hieß: 120 Km/h Gegenwind am Bergpass - Windstärke 11 nach Beaufort oder "orkanartiger Sturm". Tollwut ist in Marokko endemisch, theoretisch reicht ein Kratzer von einer Katze (ich bin gegen Tollwut geimpft). Die Wahrnehmung wie es wirklich war, fällt aber auch unter den Teilnehmenden individuell sehr verschieden aus.
Nochmal: "Why are you doing this?" Mit 20 ist die Antwort einfach: um zu gewinnen! Bis Platz 10 oder 20 gilt nicht nur beim Ultracycling „Second is first of the losers“. Da vorne trittst du nicht an, um Zweiter zu werden. Du willst aufs Podium. Rausfinden, wie gut du wirklich bist. Deine Grenzen kennenlernen, verschieben, besser werden, dich steigern. Das ist nicht nur in Ordnung, ein gewisser Ehrgeiz ist gut für die eigene Entwicklung. Mit 20 sind Wettkämpfe ein Kräftemessen, ein Sich-Vergleichen mit den Besten. Du willst selber der Beste sein, deine Gegner schlagen, dich über andere erheben, herausragen, ganz oben stehen auf dem Podium. Du suchst deine Rolle (in der Gesellschaft), in der Szene, in der Hackordnung, willst ins Rampenlicht. Geil!
Das ist ausgesprochen maskulin und auch egoistisch, man kann es kritisieren und schwierig finden - aber ohne diese „Ich-bin-der-Beste-Fokussierung“ wäre kein Spitzensport möglich, keine Spitzenleistung, nicht jene faszinierenden Sternstunden, in denen Athletinnen über sich hinauswachsen, für unmöglich Gehaltenes doch erreichen, die Grenzen des Menschenmöglichen verschieben, immer aufs Neue. Die Welt wäre erheblich langweiliger ohne all die Ausnahmeathletinnen und Spitzenleute, die beim Austesten ihrer eigenen Grenzen bewusst in Kauf nehmen, zu weit zu gehen.
Ja klar: Es gibt genauso viele Frauen mit genau dem gleichen kompetitiven Mindset. Auch wenn sie meist viel zurückhaltender und weniger lärmend dabei auftreten als die Männer. In Extremsituationen ist Zurückhaltung sogar nachweislich ein Vorteil, weil sie zu weniger riskanten und zu besonneneren Entscheidungen führt. Männer neigen eher dazu, einem antiquierten Männlichkeitsbild von Härte, Heldentum und Selbstverleugnung zu folgen - und dann zu aggressiv zu handeln, zu überpacen - und früher zu scheitern. Das ist mittlerweile gut erforscht. Muss am Testosteron liegen.
Weiter hinten, so ab Platz 50 rückwärts gilt: Du musst nicht siegen, um zu gewinnen. So ein Erlebnis bereichert dich auch so, für den Rest deines Lebens. "Second is first of the losers" und "Du musst nicht siegen, um zu gewinnen" sind zwei sehr verschiedene Haltungen im gleichen Rennen.
Startest du, um von der Welt gesehen zu werden? Oder um die Welt zu sehen?
Ich habe Bergführer, Kletterer und Seilpartner kennengelernt, die Weltklasseleistungen im Tourenbuch hatten – aber nicht das geringste Interesse daran, das irgendwem auf die Nase zu binden. Im Gegenteil, sie hatten eine regelrechte Aversion gegen "diese ganzen Instagram-Angeber", die sich durch geschickte Bildwahl und Bildbarbeitung inszenieren und größer machen als sie tatsächlich sind. Die wirklichen Spitzenleute am Berg sind schweigsame Charaktere, nehmen sich zurück. Sie machen das vor allem für sich selbst, vielleicht noch für einen sehr kleinen Kreis Eingeweihter, die überhaupt in der Lage sind zu beurteilen, was eine wirklich herausragende alpinistische Leistung ist - und was einfach nur klingelndes Social-Media-Gedöns. Es steckt eine tiefe innere Weisheit darin, sich nicht vom Beifall einer Masse abhängig zu machen, die solche Leistungen sowieso nicht objektiv beurteilen kann. Im Grunde interessiert sich ja auch kaum jemand wirklich für dich. Warum auch?
Diese in sich selbst ruhenden Bergmenschen haben mich tief beeindruckt und zum Nachdenken gebracht: Bist du vielleicht selber so ein Social-Media-Sportler? Machst du das, um von der Welt gesehen zu werden? Oder willst du die Welt sehen? Beides, dachte ich früher, in jenen Tagen um 2003, als Blogs noch Orte der digitalen Freiheit waren und des offenen Austauschs und Social Media noch in den Kinderschuhen steckten. Ich wollte Außergewöhnliches erleben und davon erzählen. Als professioneller Medienmensch denkst du ja immer automatisch in Bildern, Erzählungen, Heldenreisen, Plattformen, Kommunikationskanälen, Reichweiten.
Öffentlichkeit und Sichtbarkeit und die damit verbundene Aufmerksamkeit sind aber ziemlich sicher eine Art von Gift - süß, aber Gift. Das zeigen all die aktuellen Diskussionen um Social Media: Reichweite, Klicks, Likes berauschen wie Alkohol, sie sprechen die gleichen neuronalen Bereiche im Belohnungszentrum des Gehirns an, machen dich abhängig – und zerstören dich schleichend und auf Dauer, wenn du die Menge nicht in den Griff bekommst und dich nicht unabhängig machst vom virtuellen Beifall und vom schnellen Dopaminkick.
Aufmerksamkeit ist eine Droge, jeder kann ihr verfallen, und die großen Plattformen haben es zur Perfektion getrieben, Menschen jeden Alters und Geschlechts von sich abhängig zu machen und auszubeuten. "Soziale" Medien nähren die Menschen nicht - sie ernähren sich von ihnen. Und sie bilden schon lange nicht mehr die Wirklichkeit ab (vielleicht haben sie das noch niemals getan). Inflationär sichtbare Spitzenleistungen führen zu einer viel schnelleren Normalisierung und damit zu ihrer Entwertung. Alles, was wunderbar ist, wird nicht irgendwann gewöhnlich, sondern beinahe sofort. Reduziert zu einem endlos scrollenden Brei rasch wechselnder Blitzlichtemotionen. Es wirkt, als würden alle da draußen ständig Weltklasseleistungen bringen und außergewöhnlich leben. Nur du selber nicht, du armes Würstchen! Was das mit der Psyche macht? Bei Menschen, die vielleicht (noch) nicht psychisch stabil sind? Soziale Medien in der gegenwärtigen Form führen zu einem vollkommen verzerrten Wirklichkeitsbild - das ist das eigentliche Gift.
Warum bist du noch nicht zur Ruhe gekommen?
Mit 60 Jahren wird die Frage „warum tust du dir das an?“ allerdings noch ein bisschen komplizierter: Zu Recht musst du dich fragen lassen, warum du nicht schon längst zur Ruhe gekommen bist. Warum noch diese Getriebenheit, dieser selbstquälerische Mix aus sadistischer Streckenplanung, engen Zeitlimits und grenzwertigen äußeren Bedingungen? Gewinnen kannst du doch sowieso nichts mehr, weißt du doch! Warum ist es dir trotzdem noch wichtig, in einer Wertung aufzutauchen? Geht‘s dir im Kern vielleicht doch nicht nur ums Erlebnis? Bei mir lautet eine der Antworten: Weil ich es über viele Jahre vernachlässigt habe, intensiv zu leben, in der Welt zu sein. Über Jahre nur gearbeitet, zu viel Pflicht, zu wenig Erlebnis. Ich hatte ein bisschen was nachzuholen. Das habe ich ausgiebig getan. Natürlich liebe auch ich Aufmerksamkeit, es wäre unredlich, das nicht zuzugeben. Aber wtf! Meinen Insta-Account (mit knapp 9.000 Followern) habe ich mittlerweile gelöscht. Wurden sowieso immer mehr Bots. Facebook habe ich bereits vor Jahren gelöscht. TikTok erst recht. Plattformkapitalismus in seiner heutigen Form ist eine Plage für die Menschheit, der Web-Pionier Cory Doctorow hat dafür sehr treffend den Begriff der "Enshittification" geprägt.
Ich hatte eine Zusage und einen der raren Startplätze für die Erstaustragung das Taurus Mountain Race im Oktober 2026 in der Türkei. Ich habe ihn zurückgegeben.
“Dear Nelson, dear Mountain Races team,
if I've learned anything from this year's Atlas Mountain Race, it's to accept my age and my limits (as much as I loved to reach Essaouira exhausted but undamaged finally by bike on day 11). My mind is still full of enthusiasm, but my body is telling me pretty clearly that it's no longer willing to support such combinations of endless nights, sleep deprivation, extreme weather conditions, lack of food and continuous exertion.
The Taurus Mountain Race in October will be even longer and involve even more elevation gain. Probably impossible for me to finish, certainly more suffering than fun. I am therefore withdrawing my application for the Taurus Mountain Race and will be happy to give my starting place to a younger and stronger participant from the waiting list. Time has come for me to give up ultracycling races and switch to bikepacking...
cheers - and thank you for offering this outstanding experiences,
Hartmut Ulrich“

Schlafplatz am Ende der Old Colonial Road, der alten Passstraße aus den Zeiten der französischen Kolonialbesatzung Marokkos. Sie steigt stundenlang konstant an und ist durch Erdrutsche an zwei Stellen unpassierbar. Du kletterst an den unterbrochenen Stellen ab und auf der anderen Seite wieder hinauf. Die Schönheit der Landschaft und ihre Einsamkeit berühren dich tief. Die an sieben Stellen durchlöcherte (und deswegen luftleere!) Matratze allerdings auch. Einfach überall liegen diese nadelspitzen Dornen herum, sie bedrohen deine Reifen, die Unterlage und deine ohnehin sehr kurze Schlafpause. Foto: Hartmut Ulrich © 2026

Du willst schnell sein? Dann vergiss die Isomatte! Kriegt eh nur Löcher. Lege Power Naps ein, nur dann, wenn es gar nicht mehr anders geht. Wenn du so müde bist, dass du im Straßengraben augenblicklich einschläfst. Keine Ahnung, wer der Teilnehmer war, ob und wie er das Atlas Mountain Race beendete. Foto: Stephen Shelesky, 2026
„There’s not much adventure left. Unless you look for it”
Zum letzten Mal: "Why are you doing this?" Es ist, um es endlich auf den Punkt zu bringen, die faszinierende Parallelwelt durch die Spielregeln des Unsupported Ultracycling, eine künstliche Verdichtung des Erlebnisses. Du würdest sowas sonst schlicht nicht machen - und falls doch, wäre es vermutlich noch gefährlicher als im "Safe Space" (lol) einer gut organisierten Veranstaltung, bei der du einen SOS-Knopf an deinem Satellitentracker hast, nebst Live-Dot auf MAProgress, den jeder verfolgen kann (wer den Link hat), ein Medical Car auf der Strecke (theoretisch zumindest, eins für 1.440 km) und 300 andere Irre, die alle das Gleiche machen wie du, und die dir unterwegs so etwas geben wie ein irrationales Gefühl von Geborgenheit, obwohl sich nach dem Start ja alle ziemlich schnell auf der Route verteilt haben.
Aus freien Stücken wärst du kaum in einem nordafrikanischen Entwicklungsland in unbekanntem Wüstenterrain nächtelang mit massivem Schlafentzug unterwegs. Du würdest nicht freiwillig dein bepacktes Rad sechs Stunden lang bei orkanartigem Sturm über einen einsamen Pass auf 2.700 Metern schieben. Du würdest nicht bei Minusgraden freiwillig über eine vereiste Piste rollen, nachdem du zuvor vier Stunden lang von strömendem Regen durchweicht worden bist. Du müsstest keine Angst vor tollwütigen Straßenkötern haben. Du begibst dich freiwillig in eine außergewöhnlich fordernde Situation, kannst aber jederzeit aussteigen und bei Bedarf relativ rasch zurückkehren in die gewöhnliche Welt.
Unter normalen Umständen würde jeder sagen: Der hat sie ja nicht alle, sich sowas freiweillig anzutun! Unter den Regeln des Ultracycling ist es ... ein Spiel. Ein Test. Eine zeitlich eng limitierte Sandbox, für große Kinder. Du bist frei, im nächsterreichbaren Ort abzubrechen, dir ein Auto zu organisieren und in Essaouira ein paar schöne Tage am Meer zu machen. Aber du tust es nicht. Bei den Navy Seals gibt es während der 24-wöchigen Grundausbildung ("Basic Underwater Demolition") diese berühmte Glocke: Wer sie läutet, wird sofort vom Lehrgang abgelöst, erlöst von der bestialischen Schinderei. Aber keiner der Aspiranten will sie läuten, um keinen Preis. Alle wollen da durch. Bestehen. Dazu gehören.
Der Schlafentzug macht dich dünnhäutiger, bringt dich näher an deine mentalen und körperlichen Limits, reißt dich früher aus jeder Art von Komfortzone. Kurz: Ultracycling erzeugt eine durch seine Spielregeln bewusst verschärfte Umgebung, in der du als Einzelner noch viel stärker und extremer „ausgesetzt“ bist als bei allen anderen Formen des Unterwegsseins. Es ist tatsächlich ein bisschen wie beim Militär: Viele Lehrgänge haben zum Ziel, die Teilnehmer an ihre psychischen und physischen Grenzen zu bringen. Der entscheidende Unterschied zum Militär ist allerdings, dass es beim Ultracycling nicht um Kriegsführung geht. Sondern, ganz im Gegenteil, um den eigenen inneren Frieden und den Frieden mit der Welt. Du empfindest tiefer, intensiver, fühlst dich einsamer, bist mehr ganz auf dich selbst zurückgeworfen, auf deine Möglichkeiten, deine Gefühle, Gedanken. Das versteht nur, wer sich diesen Spielregeln einmal selbst ausgesetzt, sie am eigenen Körper gespürt hat. Es ist unbeschreiblich. Und es hängt nicht vom Alter ab.
Beim Extrembergsteigen ist das übrigens etwas anders: Dort bist du sehr schnell in einer objektiv gefährlichen Situation, die jederzeit ins Lebensgefährliche eskalieren kann, und aus der du dann häufig nicht ohne Hilfe von außen oder vielleicht gar nicht mehr herauskommst. Beim Ultracyling schon. Das ist ein sehr großer Unterschied.
You don’t stop cycling when you get old. You get old when you stop cycling.
Aber es gibt definitiv Grenzen. Dann macht das Spielen im Sand keinen Spaß mehr. Im Atlas Mountain Race hatte ich diese Grenze etwa nach sechs Tagen überschritten, da war die Spitze des Rennens längst im Ziel. Die wilde Freude an der rohen Ursprünglichkeit des selbst gewählten Abenteuers nahm von da an rapide ab. Mein Körper regenerierte nicht mehr ausreichend. Die Freude am Erlebnis wurde zunehmend überlagert von der Gewissheit, mich nun in eine Zone zu begeben, wo die Intensität des Erlebnisses nicht mehr zunehmen würde, dafür aber die Schmerzen, der körperliche Verschleiß, vielleicht sogar dauerhafte Schäden. Die Berge lehren dich Demut. Ultracycling auch.
An Checkpoint 3 habe ich mich, nach 1.007 Kilometern auf Platz 138 von 270 in der Gesamtwertung liegend, vom Gedanken verabschiedet, das Rennen zu finishen. Ab da war ich nicht mehr in der Nacht unterwegs, habe ausgiebig geschlafen und die letzten 433 Kilometer im Bikepacking-Modus zurückgelegt – und das Überqueren der Ziellinie genossen. Es war die Entscheidung, aus der künstlich verschärften Realität des Wettbewerbs auszusteigen und zurückzukehren in die immer noch außergewöhnliche und intensive Wirklichkeit einer Bikepacking-Reise durch Marokko.
52% aller Starter*innen des Atlas Mountain Race 2026 haben das Ziel nicht im Zeitlimit erreicht. Die höchste DNF-Quote ("Did Not Finish"), seit es das Rennen gibt. Der letzte Finisher in der 2026er-Wertung war der Brite Matthew Franklin auf Platz 124. Auch ihn
muss man sich als glücklichen Menschen vorstellen.

Die Britin Kerry MacPhee finishte das Atlas Mountain Race 2026 in 5 Tagen, 14 Stunden und 5 Minuten, als zweitbeste Frau und auf Platz 25 in der Gesamtwertung. Ich brauchte mit 11 Tagen das Doppelte ihrer Zeit - 1,5 Tage zu viel, um überhaupt als Finisher gewertet zu werden. Beide sind wir an unsere Grenzen gegangen, sie als talentierte Athletin, ich als einer von insgesamt nur fünf Startern Ü60. Foto: Lloyd Wright © 2026
Wie Du Dich nach extremer Belastung maximal schnell erholst:
Hab kein Geburtsjahr, das mit 19 beginnt.
Mein Geburtsjahr ist, so sorry for me, 1965. Es hat einige Wochen gedauert, bis Körper und Geist wieder in die Normalität zurückkehrten. Wochenlang nach dem Atlas Mountain Race 2026 war ich in Gedanken immer wieder in der Dunkelheit unterwegs, im fahlen Licht meiner LED-Lampen, auf einsamen steinigen groben Pisten, das bepackte Rad steile Anstiege mehr hinaufschiebend als fahrend, gegen den Wind, gegen die Müdigkeit, gegen die Schnecke, die verdammte Trail Snail, jenen digitalen Besenwagen, der dir unbarmherzig signalisiert, dass du nicht schnell genug bist, nicht stark genug, nicht rechtzeitig ankommen wirst. Dieser tagelange, immer weiter eskalierende Mangel an Essen, Wasser, Schlaf, allem. Noch Wochen später hatte ich regelrechte Fressattacken. Noch nicht abschließend beantwortet habe ich die Frage, an welchem Punkt ein Erlebnis eigentlich umschlägt von „maximal intensiv“ in „traumatisch“. Diese Grenze habe ich nicht überschritten. Aber so unendlich weit weg war sie auch nicht mehr.
Auf dem Rad saß ich bald danach wieder, auf dem Rennrad. Eine Woche nach der Rückkehr nach München bin ich den Schäftlarn hochgeballert, den einzigen kurzen Anstieg in der Nähe von München (die Alpen sind rund 80 Kilometer entfernt, das ist mehr als eine kurze Ausfahrt). Was für ein Genuss, mit dem federleichten unbepackten Bike nahezu mühelos auf glattem Asphalt dahinzurollen! Dieser Flow, diese Dynamik! Wie konnte ich mir nur dieses irrsinnige Mountain Race antun, bei dem die Durchschnittsgeschwindigkeit nur selten über zehn Kilometer pro Stunde stieg! Bis auf zwei taube Finger (das kenne ich schon von Badlands, es dauerte gut ein halbes Jahr, bis sich die durch die Offroad-Rüttelei im Canalis ulnaris beschädigten Handnerven regeneriert hatten) gibt es keinerlei Schäden zu beklagen, keine Verletzungen, keine Beschwerden oder Spätfolgen, keine Knieprobleme, nichts.
Ich bin unendlich dankbar, wenn ich mir auf Youtube die Videos und Rennberichte anderer Teilnehmer ansehe, die mit Knieschmerzen, Staublunge, blutigem Husten, Nasenbluten oder Magen- Darmproblemen zu kämpfen hatten. Mein Körper sendet aber noch Wochen später deutliche Überlastungssignale. Mein Körper ist mein Freund, kein Gegner, den es zu besiegen oder zu überwinden gilt. Es ist wichtig, auf ihn zu hören, ihn zu respektieren, zu mögen, zu pflegen. Ach, falls das noch nicht ganz klar ist: Es war mein letztes Mountain Race. Aber nicht mein letzter Wettbewerb auf dem Rad.
"Once you've done an ultrarace,
I don't think you see life in the same way"
Ultracycling ist intensivstes Leben, unfassbar dichtes Erleben. Du bist ganz auf dich selbst zurückgeworfen. Niemand darf dir helfen, so sind die Spielregeln. Du bist allein mit deinen Emotionen, Ängsten, Bedürfnissen. Das Leben in dieser Parallelwelt ist maximal hart – aber auch maximal vereinfacht. Es geht um Wasser, Essen, Schlaf, Kleidung, Hygiene, das Rad und den Weg. Sonst um nichts. Du erlebst ein Land auf eine Weise, wie kein Tourist es jemals erleben wird. Seine Schönheit, seine Natur, seine Gerüche, die Einsamkeit der Weite, der Nacht, seine Menschen, ihre Hilfsbereitschaft, ihre Freundlichkeit. Der Schlafmangel macht dich sensibler, dünnhäutiger, verletzlicher. Nie warst du mehr „in der Welt“, näher an der Erde, intensiver Mensch, Lebewesen, Tier, Körper. Du bist ganz bei dir, zu einhundert Prozent im Hier und Jetzt. Es ist purer Zen, Meditation in Bewegung. Noch Wochen später zehrst du davon, spürst dieses Strahlen, das in dir weiter leuchtet. Vielleicht mag ich die Szene deswegen so, diese Ultracyclists: Die haben das alle, dieses großartige Leuchten von innen heraus. Sie sind, und das ist keine Frage des Alters, "erleuchtet".
Vielleicht kommen uns Aktivitäten wie diese nur so nutzlos vor, weil wir privilegierten Wohlstands- und Erfolgsmenschen es verlernt haben, Dinge anders zu betrachten als durch die Polfilter-Brille ihrer ökonomischen Verwertbarkeit. Ironischerweise entziehen sich gerade die vermeintlich sinnlosesten Aktivitäten vollständig dieser Betrachtungsweise und erweisen sich als zutiefst sinnstiftend. Klingt absurd, ist aber genau so. Der französische Kletterpionier Lionel Terray hat 1965 sein Buch "Conquerants de'l inutile" veröffentlicht, "Eroberer des Unnützen", in dem er seine Bergabenteuer von 1921 bis 1965 erzählt. 1965 ist mein Geburtsjahr. Eroberer des Unnützen! Es steckt tiefer Sinn in den vermeintlich nutzlosesten Aktivitäten. Sie geben Antworten auf eine der zentralen Fragen der Philosophie: Was ist ein gutes Leben? Im Grunde genommen wissen wir das alle. Nur leben es so wenige.
Nie war der Weg mehr das Ziel.
Put me back on my bike!
Kurze Verpflegungspause während des Gravelrennens "Badlands" 2022 im spanischen Andalusien. Dieses rund 780 Kilometer lange Offroad-Rennen ist weltweit mittlerweile so begehrt in der Ultracycling-Szene, dass es kaum noch möglich ist, einen der rund 400 Startplätze zu ergattern. An der Spitze wird es ohne Schlafpause gefinisht, in unter 40 Stunden. Wir haben es zu zweit in vier Tagen absolviert - ein völlig anderes Erlebnis als ein Solo-Start. Ride On! Foto: Christian Thill © 2022



