Ultracycling durch Marokko

Atlas Mountain Race 2026

Das Atlas Mountain Race ragt aus all den Rad-Wettbewerben heraus, die ich in den letzen zehn Jahren unternommen habe. Wegen der besonderen Bedingungen in 2026, dem abartigen Wind, dem Regen, der Kälte, dem Staub, der Erschöpfung. Auch beim ersten Versuch 2025 bekam ich ein einzigartiges Erlebnis. Für einen verwöhnten Westeuropäer bedeuten die einsamen Weiten der marokkanischen Steinwüsten nicht nur visuell einen radikalen Bruch mit allem Gewohnten. Ein solches Extrem-Radrennen setzt dich schockgleich Bedingungen aus, die du nicht akzeptieren würdest, wüsstest du vorher, was auf dich zukommt. Ich hätte es wissen können, nach 2025. Aber ich wollte nicht lernen, sondern lieber nochmal fühlen. Es hat sich gelohnt.

Atlas Mountain Race 2026, Hartmut Ulrich, Old Colonial Road

Die Old Colonial Road, der legendäre Abschnitt nach Checkpoint zwei, in 2026 nach rund 600 Kilometern im Rennen, nicht ganz der Hälfte der Gesamtstrecke. Die alte, heute unbefahrbare Straße aus Zeiten der französischen Kolonialbesetzung Marokkos steigt ebenso konstant wie gnadenlos an. Wenn du hier gehen musst, verlierst du Stunden über Stunden, und die "Trail Snail", der digitale Besenwagen auf der Tracker-Webseite, rückt deinem eigenen Dot unerbittlich näher. Die Schönheit der Landschaft ist atemberaubend. Der Anstieg und die Unterbrechungen am Ende der Straße mit den beiden Tragepassagen allerdings auch.

Dieser Reisebericht ist noch nicht fertig. Aber er wächst, wann immer ich den Kopf frei und ein bisschen Zeit übrig habe. Nach 8,5 Tagen hätte ich im Ziel sein müssen, um mir einen Platz in der Wertung zu sichern. Es wurden elf Tage, weil ich nach Checkpoint 3 keine innere Bereitschaft mehr hatte, noch eine weitere Nacht durchzufahren mit 13,5 Stunden Dunkelheit und Kälte. Ich wollte lieber noch ein bisschen mehr vom Land sehen, da ich ohnehin nicht in die Wertung würde fahren können.


Wo auch immer ich vom Atlas Mountain Race oder vom Ultracycling erzähle, kommt selbst bei routinierten Radsportlern immer die gleiche Frage: "Warum?" Warum tut man sich so was an? Mit dem Warum des Ultracyling habe ich mich bereits ausführlich hier befasst. Vielleicht ist die Auseinandersetzung mit Motivation und Sinn solcher Extrem-Abenteuer möglicherweise sogar der wichtigere Part, während der eigentliche Reisebericht das ist, was eben irgendwann fertig wird.


Die Aufzeichnung meines Satellitentrackers (Startnummer 219) inkl. aller Ergebnisse gibt es hier.

Prolog: Mechanical noch vor dem Start - der Alptraum

Die gebrochene Sattelstützenklemme, deretwegen ich beinahe nicht hätte starten können. Deutlich zu erkennen: Die abgeflexte Klemme mit dem Materialbruch (hinten, unten) im Inneren der größeren. Die Improvisationslösung hat verlässlich gehalten. Das ganze Rennen.

Anreise - Dieses Mal ohne Gabelflug und Virenschleudern


Endlich war es mir gelungen, den Direktflug von München nach Marrakesch auch wirklich zu bekommen! Im letzten Jahr hatte die Lufthansa mich kurz vor Abflug kontaktiert, es gäbe Probleme mit meiner Buchung, ich solle mich doch mal melden. Der Direktflug war längst bestätigt, aber es gab keine freien Fahrrad-Transportplätze mehr in der Maschine. Ich hatte zwar ein Sperrgepäck gebucht, das in Gewicht und Maßen identisch ist mit einem Sportgepäck und auch am gleichen Sonderschalter eingecheckt wird. Aber es ist nicht möglich, einen Radtransportkoffer als Sperrgepäck einzuchecken. Sportgepäck buchst du auch nicht zusammen mit dem Flugticket, sondern auf einer separaten Webseite, mit separaten Formularen. Sperrgepäck hingegen wird mit dem Ticket gebucht. Weder gibt es Erläuterungen noch irgendwelche Hilfestellungen zu beiden Varianten, und die Seite für die Buchung von Sportgepäck ist nicht verlinkt mit der Ticketbuchung. Das muss man nicht verstehen, es ist in keiner Weise kundenfreundlich. Durch die Erbsenzählerei gab es jedenfalls keinen geeigneten Direktflug mehr, ich musste zähneknirschend einen Gabelflug über Frankfurt nehmen - und dafür auch noch mehr bezahlen. Beim Transfer zwischen München und Frankfurt habe ich mir dann zwischen all den Hustenden und Niesenden in der Grippehochsaison Anfang Februar mutmaßlich jenes Virus eingefangen, das mich später im Rennen an Checkpoint 2 zum Aufgaben zwingen würde (neben dem Shermer's Neck).


Dieses Mal habe ich direkt am Tag der Startzusage im September des Vorjahrs Direktflug und Sportgepäck gebucht. Ich war mit Lukas Neubeck im gleichen Flug, so viel Verbindungen gibt es eben nicht direkt von MUC nach RAK. Lukas kannte ich bereits von 2025, er finishte damals auf dem achten Platz, direkt hinter der bestplatzierten Frau, Marei Moldenhauer. Wir hatten beschlossen, uns die Unterkünfte zu teilen, die erste Nacht in Marrakesch zu bleiben und erst danach mit dem Bus nach Beni Mellal zu fahren, das rund 180 Kilometer östlich von Marrakesch liegt. Auch Patrick Staubach wollte mit dabei sein, der das AMR 2025 auf Platz neun direkt hinter Lukas gefinisht und das Silk Road Mountain Race als Achter beendet hatte. Aber Patrick sagte kurz vorher ab, die Grippe warf nun ihn aus dem Rennen.


Weil unsere Unterkunft im Marrakesch innerhalb der Medina lag, die man nicht mit dem Auto befahren kann wegen der engen Gassen (natürlich wollten wir uns noch die Stadt ansehen, wofür es im letzten Jahr nicht gereicht hatte), rumpelten wir mit einem Schiebekarren und unseren Radkoffern drauf zum Riad. Die Medina von Marrakesch mit ihren Läden und Gassen lebt beinahe vollständig von Touristen. Das ist zwar auch interessant, andererseits aber auch weit entfernt vom echten Marokko, der weitaus größere Part ist schlichte Inszenierung und Tourismus-Folklore. Ohne Touristen könnten niemals so viele Läden mit der immer gleichen Kombination aus Waren überleben. Trotzdem nice, und nach der Ankunft in der warmen Nachmittagssonne auf einer Dachterrasse zu sitzen und den süßen marokkanischen Tee mit Gebäck zu genießen, während im Münchner Februar alles tief gefroren war, das hatte was.


Busreise nach Beni Mellal - in Marokko ist Land unter


Tags darauf ging es zuerst wieder mit Rumpelkarren und Taxi zurück zum Flughafen und vor dort etwas später mit dem Bus weiter nach Beni Mellal. Ob die Räder den Flug ohne Beschädigungen überstanden hatten, wussten wir noch gar nicht, denn es ergab keinerlei Sinn, sie bereits in Marrakesch auszupacken, weil uns ja noch die Busfahrt bevorstand. Die Rder wurden in separaten LKWs verladen. Bereits unterwegs sahen wir aus dem Bus, was der tagelange Regen in diesem normalerweise so trockenen Land bewirkt hatte. Völlig ausgetrocknete Flussbetten waren stark angeschwollen und voll mit braunem Wasser, das ganze Land auffallend viel grüner als noch im Jahr zuvor. In Marokko war eine sieben Jahre andauernde Dürre zu Ende gegangen, und die Wasserspeicher hatten nun Reserven für ein ganzes Jahr. Ein Segen für das Land - aber ganz schlechte Aussichten für unser Rennen, denn es sollte nochmal eine Unwetterfront mit viel Niederschlag an den Bergen hängen bleiben, just am Tag des Starts.


In Beni Mellal warteten wir nach der Busfahrt eine Stunde auf die Ankunft der beiden LKWs mit den Rädern und stellten während der Wartepause fest, dass der marokkanische McDonalds sich in nichts unterscheidet von dem in München. Schließlich kamen die LKWs, und irgendwann waren alle Radtransportkoffer und Taschen entladen, und wir rumpelten mit unserer sperrigen Ausrüstung Richtung Hotel, das rund 3,5 Kilometer entfernt lag vom Ankunftsort des Busses. Da die Marokkaner ein feines Gespür dafür haben, wo sie sich ein paar Dirham hinzuverdienen können, dauerte es nicht lange, und neben uns stoppte ein rumpeliges altes Auto. Wie der Besitzer es schaffte, die beiden Radkoffer, unsere Taschen und auch noch uns beide ins Auto zu verfachten, ist mir bis heute ein Rätsel. Aber es ging, und schließlich waren wir am späten Abend endlich mit all unseren Siebensachen im Hotel. Die Türschlösser dort erinnerten ein wenig an einen Tresorraum im Fort Knox, wir konnten jedenfalls ziemlich sicher sein, dass niemand durch die Tür kommen würde, wenn wir nicht wollten. Wir begannen sofort damit, unsere Räder auszupacken und aufzubauen, die Ausrüstung zu sortieren und startklar zu machen. Vor so einem Rennen bist du immer nervös, und das Beste was du in so einer Situation tun kannst, ist gleich alles aufzubauen und zu checken.


Beim Radaufbau reißt die Sattelstützenklemme - offenbar ein Materialfehler


Ich hatte extra einen Drehmomentschlüssel mit eingepackt, um die Schrauben an Sattel und Lenker vorschriftsmäßig anziehen zu können. Das Drehmoment für eine Sattelstützenklemme liegt bei 5-6 Nm, und so war der Schlüssel auch eingestellt. Als ich den 5er-Inbus der Klemme festzog, hörte ich plötzlich ein lautes Knacken, noch bevor der Drehmomentschlüssel überhaupt die eingestellte Festigkeit mit dem vertrauten Klick signalisierte. Mein Herz setzte einen Schlag aus: Ganz eindeutig war da was gebrochen beim Festziehen der Klemme - und es war nicht die Schraube (leicht zu ersetzen)! Ohne Sattelstützenklemme würde ich nicht starten können!


Mit zitternden Händen untersuchte ich Sattelrohr und Klemme - und tatsächlich war der untere der Steg der Klemme gebrochen. Ich war verzweifelt. Welcher Idiot kommt auf die Idee, eine Sattelklemme aus Aluminium in der Mitte mit einer Nut zu versehen, so dass nur zwei Stege oben und unten bleiben! Ein kritisches Bauteil mechanisch zu schwächen für weniger als zehn Gramm Gewichtsersparnis! Ob es möglich sein würde, in Beni Mellal eine passende Klemme aufzutreiben? Die Stadt hat 210.000 Einwohner - groß genug, um ein paar Radläden zu finden. Ich hatte ja morgen noch den ganzen Tag, Start war ja erst um 18 Uhr. Allerdings hatten wir geplant, vor dem Start noch ein paar Stündchen zu schlafen. Der Startpunkt lag rund 3,5 Kilometer vom Hotel entfernt durch Beni Mellal den Berg hinauf (es war nicht möglich gewesen, eine Unterkunft näher am Start zu finden), und weil die Zielankunft ja 1.440 Kilometer entfernt in Essaouira sein würde, mussten wir unsere Radkoffer zuerst beim Start zum Weitertransport nach Essaouira einchecken, dann unsere Startunterlagen abholen und konnten dann erst zurück zum Hotel, um dort auszuchecken und mit den rennfertigen Rädern zum Startpunkt zu fahren. Das würde alles ein bisschen dauern. So unendlich viel Zeit hatte ich also gar nicht, um mein Problem zu lösen.


Würde ich dieses Problem lösen - oder erst gar nicht starten können?


Du wolltest ein Abenteuer, dachte ich mir, du bekommst ein Abenteuer. Aber warum schon wieder so knapp vor dem Start? Es ist schwer zu beschreiben, in was für einen emotionalen Zustand dich so eine Panne versetzt. Monate Training, Vorbereitung, Planung, Ausrüstung, Anreise, Kosten. Alles für die Katz, wegen so einer besch... Klemme? Ich durchwühlte meine Ersatzteile und fand - eine Sattelstützenklemme. Allerdings eine größere mit 34,9 Millimetern für eine Sattelstütze mit 31,6 Millimetern Durchmesser. Ich hatte sie zur Sicherheit eingepackt, für den Fall, dass die filigrane Sattelstütze meines Cube Race Hardtail mit 27,2 Millimetern Innendurchmesser am Sattelrohr den harten Anforderungen des Atlas Mountain Race nicht gewachsen sein würde (das Oberrohr fällt nach hinten ab, die Sattelstütze ragt deswegen relativ weit aus dem Rahmen, was doch nach erheblichen Hebelkräften aussieht für so ein dünnwandiges Sattelrohr - ich war mir einfach nicht sicher, ob das robust genug sein würde). Wie auch immer, die Ersatzklemme passte nicht einfach so über die gebrochene, ich würde mir was einfallen lassen müssen.


Am nächsten Morgen (die Nacht war verständlicherweise eher unruhig) marschierte ich durchs regennasse Beni Mellal bis zum nächstgelegenen Radshop. Fahren ging ja nicht. Da waren auch noch eine Menge anderer Rennteilnehmer mit allerlei Problemen und Pannen. Es ist wirklich bemerkenswert, was alles schief- und kaputtgehen kann an Bikes, die doch für den härtesten Offroad-Einsatz konstruiert und gebaut sind. Natürlich hatten sie keine passende Sattelstützenklemme, lediglich die Größe, die ich bereits in der Tasche hatte.


Frustriert drehte ich um und erinnerte mich an verschiedene offene Metall-Workshops, die ich auf dem Marsch zum Radshop bemerkt hatte. Der Marokkaner, dem ich mein Problem erklärte, nahm wortlos eine riesige Flex, schaltete sie ein, hielt die gebrochene Klemme mit der bloßen Hand gegen die rasende Trennscheibe und flexte den Part ab, der die Schraube hielt. Ich hatte nun einen Ring in Form eines großen C, über den ich die größere Klemme stülpen und beides festziehen wollte. Würde das nicht funktionieren, würde ich nicht starten können. Aber es klappte. Die Klemme hat das ganze Rennen über gehalten, die Sattelstütze bewegte sich keinen Millimeter, obwohl ich mich nicht getraut hatte, sie mit mehr als 4 Nm anzuziehen. Ich habe sie immer noch, als Andenken an einen Prolog, der mich unendlich viel Nerven gekostet hat.


Schon vor dem Start bis auf die Knochen durchweicht


Wir packten also unser Gerümpel in die Radtransportkoffer, organisierten uns ein Taxi und fuhren zum Start, um das Gepäck einzuchecken. Das war eine Sache von wenigen Minuten, der Fahrer wartete draußen, und kurz darauf fuhren wir zurück zum Hotel, wo die fertig gepackten Räder in dem Hotelzimmer mit der Tresortür standen. Nach dem Auschecken stiegen wir auf die Bikes und fuhren zum Start. Es ging nun endlich los. Kurz zuvor hatten wir die Meldung von der Rennleitung erhalten, dass der Start bereits um 17 Uhr sein würde, eine Stunde nach vorne verlegt wegen der schlechten Bedingungen. Zudem gab es nochmals eine Routenanpassung für die ersten 18,6 Kilometer nach dem Start.


Das Scheißwetter ging in dem Moment los, als wir mit den Rädern vor dem Hotel standen. Während der 3,5 Kilometer bis zum Start ergoss sich ein regelrechter Wolkenbruch über uns. Noch perlte das Wasser von meiner frisch imprägnierten Hardshell ab - und wir bekamen noch vor dem Start einen Vorgeschmack darauf, was uns erwarten würde. Die ursprünglich geplanten Offroad-Pisten waren bei diesen Bedingungen schlicht unfahrbar, deswegen die kurzfristigen Änderungen.

Strömender Regen, Wind und Vereisung im Hohen Atlas

Landschaft und Berge des Hohen Atlas sind atemberaubend schön. Wenn du denn überhaupt etwas zu sehen bekamst: Anfang Februar ist es 13,5 Stunden dunkel. Das Foto entstand nach durchgefahrener Nacht um acht Uhr morgens auf der Passhöhe bei Imilchil auf etwas über 2.600 Metern. Die Temperaturen lagen bei minus fünf Grad, die Straße war vollständig vereist und nur mit Mühe fahrbar. Hingelegt hat's mich - nur einmal. Fotos © 2026: Stephen Shelesky, Nils Laengner, Hartmut Ulrich

6. Februar 2026: Start um 17:00 Uhr in Beni Mellal im strömenden Regen. Es geht direkt vom Start weg (der ebenfalls schon am Berg über Beni Mellal liegt) weiter in den Anstieg, und - ebenfalls anders als geplant - zunächst ausschließlich auf Asphalt. Anfangs lässt der Regen etwas nach, doch nach rund einer Stunde bergauf rollen wir direkt auf eine regendunkle Wand mit tief hängenden Wolken vor uns zu. Es beginnt wieder zu regnen, erst verhalten, dann schüttet es wie aus Kübeln. Und es hört nicht mehr auf. Stundenlang. An den Hängen schießen braune Bäche zu Tal, wir queren mehrere Bäche, die die Straße überspülen. Es wird langsam immer dunkler, nun bricht die Nacht an. Es regnet unentwegt. Der Wind wird stärker, und die Temperaturen fallen stetig mit jedem Höhenmeter. Das hier ist der hohe Atlas, das ist Gebirgsgelände und alpine Bedingungen. What did you expect?


Als wir die Wolkendecke erreichen, sind wir mit einem Mal von Nebel umgeben. Es regnet immer noch. Ich habe meine Handschuhe gewechselt, denn obwohl der Hersteller sie als "wasserdicht" angepriesen hat, kann keine Rede davon sein. Die Handschuhe sind nach nicht mal einer Stunde im Regen völlig durchnässt und meine Finger beginnen langsam gefühllos zu werden. Einige Fahrer haben sich gleich Küchenhandschuhe aus Gummi übergezogen, das schützt die Hände zuverlässig vor dem Regen, doch Gummihandschuhe atmen nicht, die Hände schwitzen innen und quellen dann auf. Bei solchen Bedingungen gibt es keine richtige Entscheidung.


Das andere Problem ist die Brille: sie beschlägt im Nebel von innen und außen. Ich bin auf diese Brille angewiesen, denn neben dem Schutz der Augen vor hochspritzenden Steinen habe ich optische Clips mit einer Gleitsichtkorrektur. Ohne die Brille kann ich zwar fahren, sehe aber den Radcomputer und die Navigationsdaten nicht. Bei diesem Wind und dem querstehenden Regen hat es zudem wenig Sinn anzuhalten und ohne jeden Schutz die Brille zu trocknen: Sie wäre sofort wieder nass und beschlagen und die trockenen Sachen dann auch noch gefährdet. Verdammt, denke ich mir, das wird jetzt schon kritisch, nach nicht mal 70 Kilometern! Wenn ich nicht schnell einen Schutz vor dem Regen und der Kälte finde, um mich aufzuwärmen und die Brille zu trocknen, wird es objektiv gefährlich. Ewig kann ich in diesem Zustand nicht weiterfahren, eine Abfahrt in der Kälte ist so überhaupt nicht möglich. Und es geht immer noch bergauf.


Noch während ich darüber nachdenke, was jetzt richtig ist, taucht links von mir ein Metallcontainer auf - eine Schutzeinrichtung für Schafe. Dutzende Räder umgeben den Container. In dem Raum wärmen sich mindestens 30 durchnässte und durchgefrorene Fahrer*innen zwischen Strohballen und Planen auf, die vielen dampfenden Körper heizen den Raum auf eine angenehme Temperatur. Wir sind jetzt dreieinhalb Stunden im Rennen, wir sind in der Nähe von Tagleft, nicht einmal 50 Kilometer liegen hinter uns, das ist lächerlich langsam, aber wir sind bereits auf 1.750 Metern über dem Meer - und nach einer kurzen Abfahrt geht es nochmals höher, erst bis 2.600 und schließlich auf 2.900 Meter. Später werde ich auf der Karte sehen, dass ich in diesem Abschnitt das erste Mal hinter der Trail Snail gefahren bin - noch kein Problem, denn dies ist mit Abstand der schwerste Abschnitt des Rennens.


Am ganzen Körper zitternd streife ich meine nassen Handschuhe ab und wechsle den Baselayer, der ebenfalls nass geworden ist. Wenn du stundenlang im Regen fährst, funktioniert die Membran selbst der besten Funktionsjacke nicht mehr. Ich habe sie zuhause extra nochmal neu imprägniert, aber das hilft nicht lange bei solchen Bedingungen. Nach mehreren Stunden im Regen ist die Membran komplett vollgesogen mit Wasser, da perlt nichts mehr ab. Die Jacke ist zwar nach wie vor wasserdicht - aber sie atmet nicht mehr. Du wirst dann von innen nass, durch die Ausdünstungen des eigenen Körpers beim Bergauffahren.


Meine Finger sind gefühllos, ich kann kaum meine Hände kontrollieren, während ich mich umziehe und die Brille trockne. Das war wirklich die Rettung, dieser Container! Ich schnappe Gesprächsfetzen um mich herum auf und nehmen einen gewissen Grad an Verzweiflung wahr. So haben sie sich das nicht vorgestellt, das marokkanische Wüstenabenteuer...


7. Februar 2026: Nach einer halben Stunde habe ich mich aufgewärmt, etwas gegessen, die Brille gereinigt, mein drittes Paar Handschuhe angezogen, trocken und warm. Ich gehe nach draußen in die Kälte. Es folgt eine Abfahrt in die nächste kleine Ortschaft. Dort gibt es tatsächlich noch einige offene Läden. Ich fülle meine Vorräte auf und treffe eine Frau an einer der bleuchteten Baracken. Alles klar bei Dir?, frage ich sie, obwohl ich weiß, dass ich ihr gar nicht helfen dürfte, die Spielregeln des Unsupported lassen das nicht zu. Aber es tut gut, wenn dich jemand fragt, wie es dir geht, in so einer Nacht. Naja geht so, sagt sie, meine teure Dynamolampe ist in dem Regen ausgefallen, und dann auch noch die Stirnlampe. Ein paar Marokkaner helfen ihr gerade, eine antiquierte Stabtaschenlampe mit Glühbirnchen und dicken Typ-C-Batterien am Rad zu befestigen. Mit Klebeband. Die Taschenlampe dürfte ähnlich schwer sein wie eine zusätzliche Trinkflasche, die Batterien werden bei der altertümlichen Technik aber trotzdem nicht lange halten. Ich wünsche ihr Glück und zweifle ein bisschen daran, ob es möglich ist, dieses Rennen mit so einem Setup zu überstehen. Wir sind ja gewissermaßen erst losgefahren, wie soll das noch mehr als 1.000 Kilometer gut gehen - und die Offroad-Passagen kommen erst noch, noch sind wir auf Asphalt.


Es geht nun schnell wieder bergauf. Von der Rennleitung kommt eine Meldung, da oben sei alles vereist, die Temperaturen sehr kalt, man möge es sich gut überlegen, mitten in der Nacht in diesen Abschnitt zu fahren. Ich fahre. Es geht auf 22 Uhr zu. Imilchil folgt, der nächste Pass im Hohen Atlas. Es wird noch kälter, aber der Regen hat nachgelassen. Die Temperaturen fallen spürbar unter Null Grad Celsius. Deutlich unter Null. Unter meinen Reifen beginnt es zu knirschen: Der Regen ist gefroren, die ganze Straße überzogen mit einer glasigen Vereisung. Das hat auch die Einheimischen kalt erwischt: Im Dunkel sehe ich zahlreiche Fahrzeuge, die mitten auf der Straße abgestellt sind, PKWs, Lastwagen, Busse. Fahrzeuge sind mit dicken Steinen hinter der Rädern gesichert, damit sie nicht von der Straße rutschen. Ich wundere mich, dass ich bei diesen Bedingungen überhaupt fahren kann, aber es geht. Ich suche mir eine Linie am Rand mit Split und Geröll und vermeide die spiegelglatten vereisten Fahrzeugspuren. Langsam aber kontinuierlich rolle ich weiter, bis zum höchsten Punkt. Die ganze Nacht hindurch.




8. Februar 2026. Nach durchgefahrener Nacht über den Pass bei Imilchil und die wundervolle Schönheit der vereisten Piste im hohen Atlas, endlich Sonne und Checkpoint 1, den ich gegen Mittag erreiche. Weiter auf den 100-km-Abschnitt, in dem gar nichts ist außer Sand und Steine. Ich verliere meine Stirnlampe, die ich abgesetzt habe, um den Kopf zu entlasten, so lange es hell ist.


9. Februar 2026. Draußen in der Wüste geschlafen und endlich Afra erreicht. Am Abend im Cafe Zeit für ein Tajine und ein paar Stunden Schlaf in einer Rumpelkammer. Die Nacht über den windigen Pass war abartig. Sechs Stunden zu Fuß bei orkanartigem Gegenwind (110 km/h) geschoben. Unendlich Zeit verloren. Die verdammte Trail Snail überholt mich, ich bin zu langsam, es sieht tatsächlich so aus als würde ich nicht mal Checkpoint 2 rechtzeitig erreichen.


10. Februar 2026. Ich gebe Gas. Das Stück aus Taznakht heraus bis Checkpoint 2 kenne ich aus dem letzten Jahr, aber dieses Mal fahre ich es am hellen Tag. Im Ort habe ich mir bei einem Straßenhändler eine Stirnlampe gekauft, die ganz ordentlich aussieht. Tatsächlich liefert sie immer nur für ca. eine Stunde Licht, dann ist der Akku leer. Die Nacht wird langsam und hart, weil ich kaum etwas sehe. Als ich Checkpoint 2 schließlich um 16:26 erreiche, nur 20 Minuten vor Cutoff, bin ich zwar wieder in der Zeit, brauche aber dringend eine Pause - ich habe überpaced. Während ich in CP2 zu schlafen versuche, überholt die Trail Snail mich wieder.


11. Februar 2026. Nach anfänglicher Abfahrt geht es aus CP2 nun bald wieder konstant bergauf. Es folgt die legendäre Old Colonial Road, die ich tagsüber bei relativ warmen Temperaturen fahre. Ich habe mir von einem Fahrer, der im Ort vor der Old Colonial Road aufgeben muss, seine Stirnlame geliehen. Ich werde sie ihm nach dem Rennen zurücksenden, er braucht sie nicht mehr. Sie ist zwar sauschwer - aber dafür auch superhell. Ich bin so ausgelaugt durch das schnelle Fahren bis CP2, dass ich nun mehr Zeit verliere als mir lieb ist. Weil ich den Pass im Sturm überquert habe, während die Rennleitung die Umgehung empfahl, erhalte ich eine Gutschrift und bin bereits im Checkpoint 3 eingecheckt. Die Spitze des Rennens ist bereits kurz vor dem Ziel, ich habe gerade mal die Hälfte geschafft. Gegen Ende des Tages habe ich endlich die Old Colonial Road bewältigt. Ich brauche dringend Schlaf, es wird dunkel. Leider hält meine Isomatte bereits am fünften Renntag die Luft nicht mehr. Dass sie zwei Risse und sieben Durchstiche hat, werde ich erst zuhause entdecken. Die Steine und Dornen hier erlauben keine Fehler. Die habe ich wohl gemacht.


12. Februar 2026. Obwohl ich am Abend des 11. am Ende der Old Colonial Road etwas geruht habe, bin ich am Morgen gegen acht nach durchgefahrender Nacht so müde, dass ich eine zweite Schlafpause einlegen muss - weniger als eine Stunde. Gegen elf in der Früh habe ich diese Bergetappe hinter mir und befinde mich an einer Straße. Es wird warm. An einer Bushaltestelle mache ich eine Verpfleungspause, ein alter zahnloser Mann auf einem rumpeligen alten Fahrrad schenkt mir zwei Orangen. Als ich ihm dafür eine Münze mit 10 Dirham in die Hand drücke, will er mich mit Früchten überschütten, aber so viel kann ich gar nicht mitnehmen. Der alte Mann kann Deutsch, er hat es bei der Arbeit in Touristenhotels gelernt. Das ist lange her. Magische Begegnung vor Ort. Weiter gehts.


Am Nachmittag erreiche ich ein Oasental voller Palmen. Links und rechts ragen die Felsen empor, in der Mitte des Tals gibt es Wasser und Leben. Doch dann geht es direkt wieder in die Berge. Ich klettere die ganze Nacht, es wird immer kälter und windiger. Gegen zwei in der Frühe finde ich einen leeren Schafstall, drinnen ist es warm und trocken. Ich schlafe für eineinhalb Stunden und fahre weiter in der Kälte


13. Februar 2026. Ich erreiche nun abermals ein Oasental ("Paradise Valley"?), voller Palmen, eine Idylle mitten in der Wüste. Die zahlreichen Wohnmobile, die hier durchrumpeln, signalisieren mir: westliche Urlauber haben die Gegend längst für sich entdeckt. Gegen 9 Uhr in der Frühe ereiche ich einen Kiosk, der gerade aufmacht, ein Geschenk des Himmels, ich habe kein Wasser und kein Essen mehr, fülle meine Vorräte auf und leiste mir ein Essen, Kaffee und Cola. Es ist nun nicht mehr allzu weit bis Checkpoint 3, aber davor liegt noch ein harter Anstieg aus dem Oasental über den Bergkamm.


Der Wind ist wieder abartig. Ich klettere erneut stundenlang. Um 13:38 Uhr an Tag 7 erreiche ich Checkpoint 3. Ich bin zwar noch offiziell im Rennen durch meine Zeit-Gutschrift, doch Checkpoint 3 hat bereits geschlossen. Ich bekomme keinen CP3-Stempel mehr in mein Brevet. Mir ist klar, dass ich das Finish nicht im Zeitlimit schaffen kann, für die fehlenen rund 440 Kilometer. Ich beschließe, mir nun zunächst Ruhe zu gönnen, die Nacht über zu schlafen und am nächsten Tag weiterzufahren.


Am Abend treffen ein halbes Dutzend Teilnehmerinnen ein, die ebenfalls realisieren, dass sie nicht rechtzeitig ins Ziel kommen werden. Sie organisieren sich zu sechs Fahrmöglichkeiten nach Essaouira, um am Samstag bei der Finisher-Party dabei sein zu können.


14. Februar 2026. Ich teile der Rennleitung mit, dass ich nach CP3 von der Route abweichen und bis zur Atlantikküste auf der Straße fahren werde. Das sind zwar immer noch eine Menge Höhenmeter - aber diese Route ist deutlich einfacher als der Renntrack. Ich brauche den gesamten Tag für den Rest der Berge, genieße die Route. Tagsüber zu fahren beschert dir mehr Eindrücke vom Land - und mehr schöne fotos.


15. Februar 2026. Nachdem ich die Berge überwunden habe, läuft es deutlich flotter und glatter. gegen Mittag passiere ich Agadir. Ich bin endlich am Atlantik. Kurz vor dem Surferspot Imsouane kehre ich dann wieder zurück auf die Originalroute zurück. Obwohl es am nächsten Morgen einen steilen zusätzlichen Anstieg bedeutet, fahre ins ans Meer ab nach Imsouane und leiste mir dort eine Unterkunft, schlafe in der Nacht und breche erst wieder am frühen Morgen auf. Es geht jetzt immer in der Nähe der Atlantikküste in Richtung Norden und Essaouria. In Essaouira feiern sie jetzt ihre Finisher im Restaurant El Yakout, das ich bereits vom letzten Jahr kenne. Ich habe noch ein bisschen bis zum Ziel


Es ist der Sonntag nach dem Rennen. Auch heute werde ich es nicht ins Ziel schaffen, weil ich nicht mehr bereit bin, eine weitere Nacht in der Dunkelheit und in der Kälte zu fahren. Obwohl die Landschaft lieblicher ist und durch die vielen Regenfälle ungewohnt grün, zieht es sich wie Kaugummi.


16. Februar 2026. Gegen Mittag kommen die letzten Anstiege, es ist heiß, ich mag nicht mehr. Aber das Ziel ist nicht mehr weit. Am Montag, dem 16. Februar 2026 um 16:34 Ortszeit erreiche ich endlich das Ziel, das Stadttor von Essaouira, nach 1.440 Kilometern in elf Tagen. Eineinhalb Tage haben mir gefehlt, um in die Wertung zu fahren. 52% aller Gestarteten haben es in diesem Jahr nicht in die Wertung geschafft. Ich auch nicht. Aber ins Ziel, ins Ziel habe ich es geschafft! Meine Familie begrüßt mich am Stadttor, sie haben ein paar Tage Urlaub gemacht, und nun feiern wir die Ankunft gemeinsam. Es ist, als hätte ich in der Wertung gefinisht. Sogar ein Brite kommt vorbei und beglückwünscht mich, er hat den Trubel am Stadttor mitbekommen und weiß vom Rennen. Ich bin stolz und glücklich.


18. Februar 2026. Rückfahrt mit meinem älteren Sohn und mit dem Linienbus nach Marrakesch und Rückflug nach München. Der jüngere bleibt noch ein bisschen mit Tina in Essaouira und kommt am Wochenende auch zurück.


Am Ziel. Wenn man gleich am alten Stadttor von Essaouira scharf rechts abbiegt, kommt man durch einen schmalen Durchgang zum Restaurant El Yakout, das 2025 und 2026 das Finish des Atlas Mountain Race bildete, und in dem am Samstagabend die Finisherparty stattfand. Das Bild hier entstand erst am Montag Nachmittag, ich war also rund 1,5 Tage zu langsam für die Wertung und die Finisherparty. Die kannte ich aber schon vom Vorjahr. Und ich war nicht zu langsam für ein unvergessliches Erlebnis, und auch nicht zu spät, um im Ziel von der mitgereisten Familie begrüßt und umarmt zu werden (das Foto hat mein jüngerer Sohn gemacht).