Das Huhn (Dietramszell ist wundervoll)

24. Mai 2026. Ganz sicher gibt es bedeutendere Lebenserfahrungen als ein Huhn zu streicheln. So ganz gewöhnlich im 21stCentury-Alltag ist es aber auch nicht, zumindest nicht in meinem. Vor allem war es das erst Mal. In diesem Land, in dem 167 Millionen Hühner gehalten und jeden Tag 1,7 Millionen davon geschlachtet werden (das ist mehr als München Einwohner hat - jeden Tag, 365 Tage im Jahr), ist Hühnerstreicheln aber wenigstens eine kleine Denkpause wert. Und eine kleine Geschichte.
Die Huhn-Begegnung war jedenfalls weder vorgesehen in meinen Pfingstsonntagsplänen noch überhaupt sonderlich wahrscheinlich. Das Huhn taufe ich deswegen feierlich Serendip. Das ist der alte Name von Sri Lanka, und der Begriff "Serendipity" wurde erstmals 1754 vom britischen Schriftsteller Horace Walpole verwendet, er bezeichnet heute Zufallsfunde im digitalen Raum. Walpole war inspiriert von einem persischen Mächen aus dem 13. Jahrhundert "Die drei Prinzen von Serendip", die vom Vater in die Welt geschickt wurden und unterwegs immer wieder überraschende wertvolle Erkenntnisse und Entdeckungen machten, obwohl sie nach gar nichts gesucht hatten.
Ich war jedenfalls mit dem Rennrad unterwegs, eine kleine Tour von einigen Stunden. Sich dafür frei zu machen ist nicht immer einfach, aber wenn Pfingsten ist und der Rest der Familie längst andere Pläne hat, ist das eine Einladung. Der ältere Sohn zum Beispiel war mit der Schule in Kroatien, in einer Veranstaltung, die sich Mathecamp nennt. Hätte zu meiner Schulzeit Mathecamps in Kroatien gegeben, hätte ich wahrscheinlich versehentlich in Mathe promoviert, weil die Häufung positiver Schlüsselerlebnisse einfach zu groß gewesen wäre, eine statistische Zwangsläufigkeit gewissermaßen, aber stattdessen hatte ich antiinspirierende Lehrer und Vieren in Mathe. Tina war mit dem Jüngeren Sohn in einem Ferienhaus von Freunden in Italien. Ich musste arbeiten, nur über Pfingsten nicht, und so war ich also völlig frei für zwei, drei Tage. Und das Wetter toll.
Wenn man aus München Richtung Süden fährt, ist man ziemlich schnell im Voralpenland mit weiten grünen Wiesen und einer solchen Idylle, dass sie besonders im Frühling und Frühsommer schon beinahe erdrückend ist. Schon beinahe erdrückend waren allerdings auch die Temperaturen. Dass es in der dritten Maiwoche bereits über 30 Grad hatte, ist ein deutliches Signal dafür, dass das Wetterphänomen La Nina nun nach zwei Jahren endet und von El Nino abgelöst wird.
Normalerweise reichen mir zwei Trinkflaschen a 750 ml ganz gut für eine 100-Kilometer-Runde. Das ist zwar weniger als die hysterischen Hinweise des Garmin-Radcomputers für nötig halten, aber Hysterie ertrage ich in keiner Lebenssituation und habe deshalb alle Hinweise abgeschaltet. Und bei über 30 Grad reichen zwei Flaschen definitiv nicht. Bereits nach 50 Kilometern hatte ich bereits die zweite Flasche halb leer und begann Ausschau zu halten nach Brunnen, Wasserhähnen oder offenen Bäckereien und Kiosken. Es kam aber nichts. Tankstellen kommen auf meinen Routen gar nicht vor, denn wo es Tankstellen gibt, gibt es auch viele Autos und das verträgt sich nicht mit einer entspannten Radtour, also plane ich die Routen so, dass Tankstellen keine Refill-Option sind. In das Hotel mit Biergarten, an dem ich mit 40 km/h die leichte Neigung hinunter vorbeischoss, wollte ich nicht hinein, vorerst noch nicht, dafür hätte ich ja runterbremsen müssen, den Flow machst du dir erst kaputt, wenn es einfach gar nicht mehr anders geht. Am Ende bleibe ich einfach im Biergarten und haben am Ende selber einen sitzen.
In Spanien, fällt mir ein, während ich so auf dem Rad vor mich hinscanne, in Spanien gibt es in beinahe jedem Ort einen öffentlichen Brunnen. Das Wasser fließt nicht immer dauerhaft an den Brunnen, oft muss man erst einen Hahn aufdrehen oder Druckknopf bedienen. Aber es gibt sie. In Deutschland hingegen gut wie gar nicht mehr. Das liegt nicht nur daran, dass längst jeder Haushalt fließendes Wasser hat und niemand mehr mit dem Krug zum Brunnen muss. Es liegt mit Sicherheit auch an den strengen Trinkwasservorschriften. Vielen Gemeinden ist es schlicht zu aufwändig und zu teuer, die Vorschriften einzuhalten, gemessen an der Tatsache, dass überhaupt kaum noch wer öffentliche Brunnen schätzt und auch tatsächlich nutzt.
Wanderer oder Radfahrer, die so lange unterwegs sind, dass ihnen unterwegs das Wasser ausgeht, sind in Deutschland ziemlich sicher statistische Ausnahmen und häufen sich, wenn überhaupt, nur an den wenigen heißen Tagen im Jahr. Vielleicht ändert sich das mit dem Klimawandel ja wieder, dann gäbe es in deutschen Dörfern wieder funktionierende Trinkbrunnen, und die Spanier würden nach Deutschland ziehen, weil Spanien dann in weiten Teilen gar nicht mehr bewohnbar ist (das ist jetzt schon so, es weiß nur niemand, der noch nicht mit dem Fahrrad durch die Gorafe oder Desierto del Tabernas geradelt ist und immer nur nach Mallorca, Barcelona oder an die Costa Blanca gefogen ist). Bisschen mehr Spanien täte Deutschland definitiv gut. Die Sprache und das Essen mag ich schon mal sehr.
Aber ich schweife ab. Wie ich also auf halber Strecke bei Dietramszell den Berg runterschieße (die Abfahrt ist eine lange leichte Rechtskurve und immer so dynamisch, dass du deinen Flow da auch auf keinen Fall runterbremsen willst), erkenne ich aus dem Augenwinkel rechter Hand eine Bäckerei mit offener Tür, davor ein paar Sitzgarnituren und Radfahrerinnen, die die kleine Oase in der Wüstenhitze schon vor mir entdeckt haben. Ich also doch den Flow unterbrochen, die Eisen reingehackt, rechts reingeschwenkt und mit vom Vortag noch etwas steifen Beinen in die Bäckerei gestakselt. Superfreundlich da alle hinter dem Tresen, es gibt eine Eistheke und einen Kühlschrank mit kalten Getränken, so muss das Paradies sein, von wegen bayerische Grantler und deutsche Servicewüste, die haben gewaltig dazu gelernt mittlerweile, zumindest in Dietramszell! Ich spendiere mir zwei Kugeln Eis und zwei Flaschen Wasser und klackere mit meinen Klickschuhen wieder raus zum Rad.
Wie ich da so im Schatten sitze und die Trinkflaschen auffülle, kommt ein Huhn vorbei. Einfach so. Ein Huhn. Hellbraun, neugierig, freundlich, geschäftig. Keine Katze, kein Haushund, ein Huhn. Erst pickt es unter meinem linken Radschuh rum, dann streicht es wie eine Katze an den Beinen entlang und flattert schließlich auf die Bank, wo ich neben meinem Rad sitze. Ein Huhn ist fast so kuschelig und warm wie eine Katze, nur dass man die Richtung der Federn und die Federkiele spürt. Katzen haben keine Federkiele, vielleicht sind sie ja deswegen beliebter als Haustiere als Hühner. Es kommen noch mehr Besucher, die hier einen Kaffee trinken wollen und trauen ihren Augen nicht, als sie den Rennradfahrer in Lycra sehen, mit Huhn.
Mehr gibt es nun gar nicht zu erzählen. So ist das eigentlich immer mit Emotionen, hinterher tut man sich eher schwer damit, erzählt ist eben doch nicht erlebt. Hühner werden jedenfalls bis zu 15 Jahre alt, wenn man sie lässt. Die Mehrzahl der 167 Millionen in Deutschland erlebt nicht mal den ersten Geburtstag. Bevor die Geschichte allerdings traurig endet, steige ich schnell wieder aufs Rad und fahre weiter, es geht ja noch ein Stückchen bergab und die Flaschen reichen jetzt bis nach Hause.
So ist das mit dem bayrischen Voralpenland: Kaum bist du ein paar Kilometer raus aus München, kannst du Hühner streicheln, obwohl du auf gar keinem Bauernhof warst. Mal sehen, ob es wieder da ist, wenn ich das nächste Mal in Dietramszell halte.

👉 kleine Beiträge wie dieser sind Erinnerungen: an reine Freude, die ich empfunden habe - und häufig auch immer wieder, wenn ich sie sehe. Ein ungewöhnlicher Blick, überraschende Sichtweisen und Entdeckungen, inspirierende Kreativität, ein schöner Gedanke, gelungenes Handwerk, schöne Formulierungen, Dinge mit Seele. Sie sind vollkommen zweck- und absichtsfrei - und trotzdem alles andere als sinnlos: Es tut unendlich gut, sich jeden Tag über etwas zu freuen. Und sei es noch so unbedeutend. Enjoy!

