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Schrödingers Weide

Silberweide

15. Mai 2026. Neulich war ich mit der Bahn von Bielefeld nach München unterwegs. Die Strecke ist deswegen besonders, weil sie das Gegenteil einer kürzesten Verbindung von A nach B ist. Man muss erst von Bielefeld noch weiter nach Nordosten bis Hannover fahren und kann dann erst in eine Direktverbindung nach München steigen. Direkt von Bielefeld nach Kassel wäre es rein geografisch erheblich kürzer, aber dafür gibt es keine Verbindungen mit der Bahn. Man müsste mit dem Auto von Bielefeld nach Kassel fahren und erst dort in den Zug steigen. Das ist aber nur praktikabel, wenn du in Bielefeld wohnst, ein eigenes Auto nutzt und auf dem Rückweg von München wieder von Kassel nach Bielefeld mit dem Auto fährst. Ein Mietwagen wäre zu teuer, und der Zeitgewinn wäre durch Abholung und Fahrzeugabgabe wieder verschenkt. Zugverbindungen über Dortmund und Köln wären zwar auch möglich, aber das ist ein Umweg in den Westen, und München liegt ja ganz weit im Südosten. Bielefeld-München: Dir kürzeste Verbindung zwischen A und B existiert immer nur in der Theorie.


Hinter mir im Sitz das insektenhafte Getippe eines ameisenfleißigen Ich-kann-super-im-Zug-arbeiten-Mitreisenden mit weißem Hemd (zum Glück hat er mehr getippt und nur gelegentlich telefoniert, das ist noch viel nerviger als insektenhaftes Getippe). Erwartungsgemäß kam der ICE irgendwann ungeplant auf offener Strecke zu Stehen ("auf unbestimmte Zeit" kam dieses Mal immerhin nicht, die Zeit des Stillstands war offenbar klar, es galt, einen hinter uns fahrenden Zug vorbeizulassen, wir waren die Verbindung mit Verspätung "Grund dafür ist..." a) Reparaturen am Zug b) fehlendes Personal c) Schaden an der Oberleitung d) Verspätung durch einen vorausfahrenden Zug e) belanglose Ausrede nach Belieben, "wir bitten um Entschuldigung"). Als ob der andauernde Diebstahl endlicher Lebenszeit überhaupt je entschuldbar wäre. Einerseits. Andererseits die dadurch entstehenden kontemplativen Momente: Du kannst deinem Gehirn etwas gönnen, was im Zeitalter entgrenzter Steigerungslogiken nicht mehr vorgesehen ist: Leerlauf. Dein Gehirn wird es nutzen, um den Gedankenkeller zu entrümpeln, vorausgesetzt, du starrst nicht die ganze Zeit reflexhaft in dein Smartphone. Tatsächlich habe ich im Zug (oder auf dem Fahrrad) oft die besten Einfälle.


Vor mir beim Blick rechts aus dem Fenster ein wundervoller grüner Baum in erfrischend frühlingsgrüner Kulisse. Die schlanken ebenfalls grau-tiefgrünen Äste glatt und geschmeidig. Das muss eine Weide sein, denke ich, die steht da so im tiefen Grund, bekommt da vermutlich genügend Wasser, vielleicht sogar Überschwemmungsgelände da unten (deswegen der Bahndamm), die kleinen lanzettartigen Blätter stimmen auch, wenn ich mich recht erinnere. Andererseits so rein optisch mehr Busch als Baum. Vielleicht doch keine Weide?


Zum Glück gibt es fürs Smartphone ja diese tollen Bestimmungs-Apps (ich habe eine, die mich nicht gleich wieder in eine weitere Subscription-Hölle wirft, obwohl ich die App nur achtmal im Jahr benutze, davon siebenmal beim gleichen Spaziergang). Ob die auch aus dem Fenster heraus über 20 Meter Entfernung in der Lage ist, diesen Busch-Baum zu bestimmen? Ich mache ein Foto. "Blattoberseite fotografieren", befiehlt die App. Hm. Das iPhone 17 Pro kann einen optischen Achtfach-Zoom, immerhin. Blattoberseite, mal gucken. "Silberweide", Trefferwahrscheinlichkeit 95 Prozent. Wahrscheinlicher wäre es gewesen, dass der Zug kurz vor Abschluss der Bestimmung bereits wieder anfährt. Oder dass entlang der Strecke mal wieder kein Netz ist im modernsten Industrieland Europas und die App gar nicht auf ihre Datenbank zugreifen kann. Andererseits ist auf die Bahn Verlass, sofern es um längere ungeplante Verzögerungen geht. Wir haben Netz, es ist zu 95 Prozent eine Silberweide. Der Name kommt von silbrig schimmernden Haaren auf den lanzettartigen Blättern, lese ich.


Wenn du im Zug sitzt, zieht das Land an dir vorbei, die Gedanken auch, und wenn du nicht gerade insektenhaft-getrieben auf deinem Laptop rumklapperst (oder stumpf ins Smartphone starrst), kannst du allerhand bemerken, wofür sonst kaum noch wer einen Blick hat. Vielleicht ist das das eigentlich Bemerkenswerte an Zugfahrten, dass du ständig an Orten vorbeirollst, die erst so richtig zu existieren beginnen, wenn jemand sie aktiv wahrnimmt. Dann sind diese Orte für einen kurzen Moment sehr präsent und detailreich - so detailreich, dass es dich schon wieder wundert, und im nächsten Moment sind sie schon wieder verschwunden und vergessen. Als ob die Welt erst in dem Moment im Detail entstünde, sobald jemand genauer hinsieht, und sonst wäre sie einfach eine etwas schlampig gerenderte Textur, die einfach so weitgehend unbeachtet am Fenster vorbeiwischt. Wahrscheinlich leben wir doch in einer Simulation, und so Typen wie ich treiben ständig die Rendering-Kosten im Weltsimulations-Rechenzentrum in die Höhe, weil sie überall Dinge und Details wahrnehmen, die niemand sonst beachtet. Vielleicht ist es aber auch Schrödingers Weide, immer zugleich da und nicht da. Katze, wieso Katze? Weidenkätzchen? Assoziationskettenmassaker, schießt es mir durch den Kopf, verstehen wird das allerdings nur, wer schon mal etwas von Quantenmechanik gehört hat und den Denkexperimenten dazu.


Natürlich denke ich bei der Weide auch an Aspirin, also an die Salicylsäure im Aspirin. Irgendwer hat mir mal erzählt, dass die schmerzstillende Wirkung der Weide schon sehr lange bekannt ist. Sowas merke ich mir für immer, andere, für das Alltagsleben möglicherweise viel wichtigere Dinge aber nie. Vielleicht ist das ja Bildung, sich solche kleinen Wissensschnipsel gerade zum rechten Moment aus den Tiefen des Langzeitgedächtnisses emporzuholen. Jedenfalls verordnete schon der legendäre Ur-Mediziner Hippokrates ("Eid des..." quasselt das Gedächtnis ungefragt dazwischen) Weidenextrakt vor über 2.000 Jahren als Schmerzmittel. Der Wirkstoff wurde erst viel später synthetisiert und tatsächlich zum Medikament. 1897, entwickelt vom Bayer-Chemiker Felix Hoffmann und seitdem bekannt als Aspirin. Das habe ich natürlich im Internet nachgeguckt, sowas speichert mein Gedächtnis nicht, man kann es ja jederzeit nachlesen. Die Bildungsdiskussion wird zu stark dominiert von Menschen, die sich schwer tun zu unterscheiden zwischen totem Faktenwissen, das vollständig entkoppelt ist vom Leben und echter Bildung, die dir im richtigen Moment Urteilskraft und die Fähigkeit schenkt, gute Entscheidungen zu treffen in einer sehr uneindeutigen Welt. Keine KI beherrscht das, auch wenn ihre Verkäufer es andauernd behaupten.


Kurz zurück zum toten Faktenwissen: Weiden enthalten gar keine Salicylsäure, sondern Salicin, das erst im Körper zu Salicylsäure gewandelt wird. Ihre langen biegsamen Zweige wurden aber auch gerne als Flechtmaterial für Körbe und Zäune verwendet, und dass das eher der Vergangenheit angehört, erkennt man daran, dass die Silberweide da auf der Wiese vollkommen unverschnitten ist (wenn man die langen Äste immer wieder an der gleichen Stelle abschneidet, bildet der Baum an den Schnittstellen im Laufe der Zeit diese dicken Köpfe, aus denen immer neue schlanke Äste nachsprießen. Niemals hätte ich nachgeguckt, wann das Aspirin erfunden wurde, hätte der ICE nicht ungeplant auf offener Strecke gehalten. Es gibt immer Geschenke vom Leben, du musst lediglich in der Lage sein, sie als Geschenke zu erkennen.


Ob Weiden neben Bahndämmen von vorbeirauschenden ICEs träumen? Ob sie sie zählen? Eine Weide wird rund 200 Jahre alt, und käme jeden Tag nur ein einziger ICE vorbei, wären dies bereits 73.000 Züge. Die Bahn spricht von rund 40 pro Tag auf dieser Verbindung (es sind je nach Tag zwischen 35 und 43), das wären also rund 3 Mio. Züge im Leben der Weide, vorausgesetzt, es verkehrte 200 Jahre lang die gleiche Zahl ICEs zwischen Hannover und Kassel. Der Versuch, die Wirklichkeit zu objektivieren und in harte Fakten zu fassen, wird immer unmöglicher, je mehr die Zeit eine Rolle spielt. Ereignisstränge teilen sich viel häufiger auf als Menschen das wahrnehmen wollen und können.


Menschen können sehr schlecht mit Zeit umgehen. Das erkennt man bereits daran, dass Autofahrer auf Radfahrer schimpfen, Radfahrer auf Autofahrer und Fußgänger und Fußgänger auf alle: Die Raum-Zeit-Wahrnehmung ist in verschiedenen Verkehrsmitteln derart unterschiedlich, dass der gleiche Mensch die identische Situation anders wahrnimmt, je nachdem, ob er in einem Auto sitzt oder zu Fuß geht. Deswegen ist es auch viel schöner, die Welt auf dem Fahrrad zu erfahren oder zu Fuß und nicht im Auto oder Flugzeug. Wie wir unterwegs sind, prägt, was wir erleben. Die relative Unfähigkeit von Menschen, mit unterschiedlichen Zeitebenen umzugehene, erkennt man auch sehr gut an den Diskussionen über den AI-Hype: Permantent verwechseln die Diskutierenden den kurzfristigen Hype mit erst mittelfristig möglichen Veränderungen und dem kulturellen Wandel, der häufig erst eine oder mehrere Dekaden später folgt. Dass kurzfristige Veränderungen überschätzt und langfristige unterschätzt werden, gehört längst zu den am häufigsten in Reden eingebauten Binsen. Mit dem Langzeitgedächtnis des Menschen ist es ohnehin ganz schlecht bestellt. Oder hat je eine politische Partei einen Preis dafür bezahlen müssen, dass sie ihre Wahlversprechen jedes Mal gebrochen hat? Bereits nach einem Jahr haben die betrogenen Wähler*innen alles längst vergessen, Parteien wissen das nicht nur, sie nutzen es systematisch aus. Und ob Menschen fähig sind, aus der Geschichte zu lernen, also überhaupt in Zeitspannen zu denken, die die eigene Lebenszeit übersteigen, ziehe ich stark in Zweifel.


Vielleicht können Weiden ja nur bis 50 zählen oder auch gar nicht, wer kann das schon wissen. Wenn man darüber nachdenkt, fällt einem auf, wie wenig wir Menschen wirklich wissen über die Welt. Die menschliche Perspektive grenzt ja alle nichtmenschlichen Weltwahrnehmungen aus. Es ist gut möglich, dass auch künstliche Intelligenzen längst eine Weltwahrnehmung haben, nur dass sie nicht "selbstbewusst" ist, weil KIs sich nicht selbst auf die Welt beziehen. Vieleicht ist das ja nur möglich mit einem Körper und Sinnesorganen, weil man das "in-der-Welt-sein" nur fühlen kann ("cogito ergo sum" scheint mir ungenügend geworden im Zeitalter der KIs). Menschliche Sprache enthält ja auch nur noch Beschreibungen von Sinneswahrnehmungen, nicht mehr die Wahrnehmungen selbst: Sprache kann den Geruch einer Rose im Vergleich zu einer Weide zwar umschreiben, aber es bleibt immer nur ein Versuch, ein Abbild, so wie die berühmte Pfeife des Surrealisten René Magritte. Dass die Erfinder der großen Sprachmodelle im Silicon Valley allen Ernstes behaupten, mit ihren künstlichen neuronalen Netzen sei Bewusstsein möglich, sagt mehr über die Hybris des Silicon Valley aus und seine begrenzte Weltsicht als über die Welt selbst. Wie nehmen ein Hund, eine Katze und eine Fledermaus die Weide wahr? Eine Ameise, Biene, Raupe, ein Schmetterling, ein Pilz? Wie riecht eine frisch gemähte Wiese im Frühling? Unbeschreiblich - im wahrsten Wortsinn nicht mit Sprache abzubilden. Für die Antwort braucht es eine Erinnerung von Sinnesorganen im Gehirn, die sprachliche Beschreibung ist nicht diese Erinnerung, sie aktiviert sie lediglich. Deswegen haben Sprachmodelle kein Bewusstsein: Sie haben viele Informationen über Frühlingswiesen, aber es fehlt ihnen im Gedächtnis genau die Stelle, an der der Geruch tatsächlich erinnert wird. Und was "Seele" ist im Unterschied zu Bewusstsein, wäre auch noch genauer zu überlegen. Als Menschen müssen wir vielleicht erst noch lernen, andere existierende Formen von Weltwissen zu verstehen und überhaupt wahrzunehmen. Auch das einer Weide.


Bäume nehmen die Welt ja zwangsläufig auch vollkommen anders wahr als Menschen. Vor allem was die Zeit betrifft. Als Weide braucht es ja noch sehr viel mehr Geduld als als Bahnreisender. Was genau ist Zeit überhaupt? Gibt es sie tatsächlich oder ist sie nur eine sehr sehr subjektive Illusion? Wie geht eine Eintagesfliege mit Zeit um? Bis München dauert es ja auch noch ein bisschen. Wer fünf Stunden am Stück in einem ICE sitzt, tut das ja beinahe schon zwangsläufig, über Zeit nachzudenken, und das ist jetzt noch nicht mal Ironie. Gäbe es einen Nobelpreis für Philosophie, man müsste ihn einmal der Bahn verleihen, für ihre zufälligen "Einladungen", über die Welt und die Wirklichkeit nachzudenken, während man auf Weiterfahrt wartet und gewissermaßen festhängt in einem Gegenwartsloch, das dir einerseits zwar unwiederbringliche Lebenszeit stiehlt, dir andererseits aber auch Raum für Gedanken schenkt, die nur im Stillstand entstehen.


Inzwischen sind wir längst weitergefahren, ich war nur noch nicht fertig mit meinen Betrachtungen zu Schrödingers Weide. Ich werde sie niemals wieder sehen. Weil ich der Kamera auf meinem iPhone verboten habe, den Standort zu verwenden (aus Datenschutzgründen, was für Fotos ein Nachteil ist wie ich gerade erkenne), habe ich nun nicht einmal die Koordinaten, wo das Foto entstand, wo also genau die Weide steht. Diese Einschränkung habe ich umgehend geändert im iPhone, man kann es definitiv auch übertreiben mit dem Datenschutz. Die Standorte zukünftiger Weiden werde ich nun bei Bedarf auf den Meter genau bestimmen können. Nur nicht mehr von dieser einen. Das macht sie noch ein bisschen einmaliger. Geradezu mystisch.


Viel später, es ist bereits dunkel, steige ich müde in München aus. Ich freue mich, dass ich wenigstens ein Foto von der Silberweide habe, zwei sogar. Und jetzt hat sie auch eine richtige eigene Geschichte.


Ob sich Weiden freuen können?

Silberweide

👉 kleine Beiträge wie dieser sind Erinnerungen: an reine Freude, die ich empfunden habe - und häufig auch immer wieder, wenn ich sie sehe. Ein ungewöhnlicher Blick, überraschende Sichtweisen und Entdeckungen, inspirierende Kreativität, ein schöner Gedanke, gelungenes Handwerk, schöne Formulierungen, Dinge mit Seele. Sie sind vollkommen zweck- und absichtsfrei - und trotzdem alles andere als sinnlos: Es tut unendlich gut, sich jeden Tag über etwas zu freuen. Und sei es noch so unbedeutend. Enjoy!

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