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Schrödingers Weide

Silberweide

Neulich war ich mit der Bahn von Bielefeld nach München unterwegs. Diese Strecke ist deswegen besonders, weil man erst von Bielefeld noch weiter nach Norden bis Hannover fahren muss und dann erst in eine Direktverbindung nach München steigen kann. Direkt von Kassel nach Bielefeld wäre es zwar erheblich kürzer und schneller, aber dafür gibt es keine Verbindungen mit der Bahn. Hinter mir im Sitz das insektenhafte Getippe eines Ich-kann-super-im-Zug-arbeiten-Mitreisenden mit weißem Hemd (zum Glück hat er mehr getippt und nur gelegentlich geschäftlich telefoniert, das ist noch viel nerviger als insektenhaftes Getippe). Wie eigentlich immer kam der ICE ungeplant auf offener Strecke zu Stehen ("auf unbestimmte Zeit" fiel dieses Mal aus, die Zeit des Stillstands war offenbar klar, es galt, einen anderen Zug vorzulassen, wir war die mit Verspätung "Grund dafür ist..." a) Reparaturen am Zug b) fehlendes Personal c) Schaden an der Oberleitung d) Verspätung durch einen vorausfahrenden Zug e) belanglose Ausrede nach Belieben einsetzen).


Vor mir beim Blick rechts aus dem Fenster dieser wundervolle grüne Baum in wundervoll frühlingsgrüner Kulisse. Die schlanken ebenfalls tiefgrünen Äste sahen biegsam, glatt und geschmeidig aus. Das muss eine Weide sein, dachte ich, die steht da so im tiefen Grund, bekommt da vermutlich genügend Wasser, vielleicht sogar Überschwemmungsgelände da unten, die kleinen lanzettartigen Blätter stimmen auch, wenn ich mich recht erinnere. Andererseits so rein optisch mehr Busch als Baum. Vielleicht doch keine Weide?


Zum Glück gibt es fürs Smartphone ja diese botanischen Bestimmungs-Apps (ich habe eine, die mich nicht gleich wieder in eine neue Subscription-Hölle wirft, obwohl ich die App nur achtmal im Jahr benutze, siebenmal davon auf einem einzigen Spaziergang). Ob die auch aus dem Fenster heraus über 20 Meter Entfernung in der Lage wäre, diesen Busch-Baum zu erkennen? Ich mache ein Foto. "Blattoberseite fotografieren", befiehlt die App. Hm. Das iPhone 17 Pro kann einen optischen Achtfach-Zoom, immerhin. Blattoberseite also. "Silberweide", Trefferwahrscheinlichkeit 95 Prozent. Eher wahrscheinlich wäre es gewesen, dass der Zug kurz vor Abschluss der Bestimmung bereits wieder anfährt. Oder dass entlang der Strecke einfach kein Netz ist und die App nicht auf ihre Datenbank zugreifen kann. Andererseits ist auf die Bahn Verlass, sobald es um längere ungeplante Verzögerungen geht. Wir haben Netz, es ist zu 95 eine Silberweide, der Name kommt von den silbrig schimmernden Haaren auf den lanzettartigen Blättern, lerne ich.


Wenn du im Zug sitzt, zieht das Land an dir vorbei, die Gedanken auch, und wenn du nicht gerade insektenhaft-getrieben auf deinem Laptop rumklapperst (oder auf dem Smartphone), kannst du allerhand bemerken, wofür sonst kaum noch wer einen Blick hat. Vielleicht ist das das eigentlich Bemerkenswerte an Zugfahrten, dass du ständig an Orten vorbeirollst, die erst so richtig zu existieren beginnen, wenn jemand sie aktiv wahrnimmt, dann sind diese Orte für einen kurzen Moment sehr präsent und detailreich - so detailreich, dass es dich schon wieder wundert, und im nächsten Moment sind sie schon wieder verschwunden und vergessen. Als ob die Welt erst in dem Moment entstünde, wenn jemand genauer hinsieht, und sonst wäre sie einfach eine etwas schlampig gerenderte Textur, die einfach so weigehend unbeachtet am Fenster vorbeizieht. Wahrscheinlich leben wir doch in einer Simulation, und so Typen wie ich treiben ständig die Rendering-Kosten am Zentralcomputer in die Höhe, weil sie überall Dinge und Details wahrnehmen, die niemand sonst beachtet. Vielleicht ist es aber auch Schrödingers Weide, irgendwie zugleich da wie auch nicht da. Im Frühjahr gibt es ja Weidenkätzchen, ein echtes Assoziationskettenmassaker, schießt es mir durch den Kopf, und verstehen wird das nur, wer sich schon mal ein bisschen mit Quantenmachanik befasst hat. Tut mir leid.


Natürlich dachte ich bei der Weide gleich auch an Aspirin, also an die Salicylsäure im Aspirin. Irgendwer hat mir mal erzählt, dass die schmerzstillende Wirkung der Weide schon sehr sehr lange bekannt ist, das habe ich nie vergessen. Vielleicht ist das ja Bildung, sich solche kleinen Wissensschnipsel aus den Tiefen den Unterbewusstseins gerade zum rechten Moment hervorzuholen, wenn dein ICE ungeplant neben einer wunderschönen Silberweide zum Stehen kommt. Jedenfalls verordnete schon der legendäre Ur-Mediziner Hippokrates ("Eid des..." flüstert das Unterbewusstsein ungefragt dazwischen) vor über 2.000 Jahren Weidenextrakt als Schmerzmittel. Der Wirkstoff wurde erst viel später synthetisiert und tatsächlich zum Medikament (1897, entwickelt vom Bayer-Chemiker Felix Hoffmann und seitdem bekannt als Aspirin, das habe ich natürlich im Internet nachgeguckt, sowas speichert mein Unterbewusstsein nicht, man kann es ja nachlesen). Weiden enthalten Salicin, das im Körper zu Salicylsäure gewandelt wird, die Silberweide enthält besonders viel davon. Ihre langen biegsamen Zweige wurden aber auch gerne als Flechtmaterial für Körbe und Zäune verwendet, und dass das eher der Vergangenheit angehört, erkennt man daran, dass die Silberweide da auf der Wiese vollkommen unverschnitten ist (wenn man die langen Äste immer wieder abschneidet, bildet die Weide im Laufe der Zeit diese dicken Köpfe am Strunk, von denen immer neue schlanke Äste nachsprießen).


Niemals hätte ich nachgeguckt, wann das Aspirin erfunden wurde, hätte der ICE nicht ungeplant auf offener Strecke gehalten. Es gibt immer Geschenke vom Leben, du musst lediglich in der Lage sein, sie als Geschenke zu erkennen und anzunehmen.


Ob Weiden neben Bahndämmen von vorbeirauschenden ICEs träumen? Ob sie sie zählen? Eine Weide wird rund 200 Jahre alt, und käme jeden Tag nur ein einziger ICE vorbei, wären dies bereits 73.000 Züge. Vielleicht können Weiden ja nur bis 50 zählen oder gar nicht, wer kann das schon wissen. Bäume müssen die Welt zwangsläufig vollkommen anders wahrnehmen als Menschen, sie müssen eine ganz andere Zeitwahrnehmung haben, es braucht als Weide ja noch viel mehr Geduld als als Bahnreisender. Ich muss über Zeit nachdenken, bis München dauert es ja noch ein bisschen. Wer fünf Stunden am Stück in einem ICE sitzt, tut das beinahe schon zwangsläufig. Gäbe es einen Nobelpreis für Philospohie, man müsste ihn einmal der Bahn verleihen, für ihre Einladungen, über die Welt und die Wirklichkeit nachzudenken, während man auf Weiterfahrt wartet.


Inzwischen sind wir längst weitergefahren, ich war nur noch nicht fertig mit meinen Betrachtungen zu Schrödingers Weide. Ich werde sie niemals wieder sehen. Weil ich der Kamera auf dem iPhone verboten habe, den Standort zu verwenden (aus Datenschutzgründen, was bei Bildern ein Nachteil ist wie ich gerade erkenne), habe ich nun nicht einmal die Koordinaten, wo das Foto genau entstand und wo die Weide also steht. Diese Einschränkung habe ich umgehend geändert im iPhone, man kann es definitiv auch übertreiben mit dem Datenschutz. Die Standorte zukünftiger Weiden werde ich nun bei Bedarf auf den Meter genau bestimmen können. Nur nicht von dieser einen. Das macht sie noch ein bisschen einmaliger. Geradezu mystisch.


Viel später, es ist bereits dunkel, steige ich müde in München aus. Ich freue mich, dass ich wenigstens ein Foto von der Silberweide habe. Zwei sogar. Und jetzt hat sie eine eigene kleine Geschichte. Mehr gibt es im Moment nicht zu erzählen über Silberweiden.

Silberweide

👉 kleine Beiträge wie dieser sind Erinnerungen: an reine Freude, die ich empfunden habe - und häufig auch immer wieder, wenn ich sie sehe. Ein ungewöhnlicher Blick, überraschende Sichtweisen und Entdeckungen, inspirierende Kreativität, ein schöner Gedanke, gelungenes Handwerk, schöne Formulierungen, Dinge mit Seele. Sie sind vollkommen zweck- und absichtsfrei - und trotzdem alles andere als sinnlos: Es tut unendlich gut, sich jeden Tag über etwas zu freuen. Und sei es noch so unbedeutend. Enjoy!

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