Münchner Liebeserklärung (Rebellen über 27 sind entweder tot oder traurige Figuren)
Mit jeder Reise in die weite Welt bin ich lieber nach München zurückgekehrt. Weil mir mit jedem Mal klarer wurde, wie gut es sich hier tatsächlich lebt. IN SUMME. Gute Jobs, die Berge in der Nähe, Seen auch, Wasser trinken direkt aus der Leitung so viel du willst, die Isar mitten durch die Stadt, der Englische Garten, der Wiener Platz, die Auer Dult und die Biergärten. Ich würde aber auch jederzeit woanders hingehen. Nur: Es gibt grad gar keinen Grund dafür. Seit 1990.
Auf dem Olympiaturm war ich erst, da lebte ich schon über 20 Jahre in der Stadt. Typische Touristenziele meidest du natürlich.
An der Isar sitzen bei der Praterinsel, flache Steine werfen und einfach sein. Mehr ist nicht nötig. Ein Augustiner Helles vielleicht noch.
Jetzt fangen sie vielleicht doch einmal an, dem groß gewordenen Dorf München auch ein paar richtige Hochhäuser zu spendieren. Dabei gibt es auch dann nichts Größeres für die Stadt als den Alpenhauptkamm, den man bei gutem Wetter deutlich sieht. Alle Fotos ©2022 Hartmut Ulrich
Jaja,
lieber Max Scharnigg, über München lässt sich grandios ranten (äh, Verzeihung, Paywall). Nur sollte niemand das virtuose Wortgewitter verwechseln mit Sinn. Über München lästern, Herr Scharnigg, ist im Kern nämlich auch nichts weiter als ein lupenreines Distinktionsscharmützel, etwa wie Schimpfen über Schwaben in Prenzlauer Berg. Ach ja.
Im Kern ging es ja auch nie um die Stadt (Mailand oder Madrid, Hauptsache Italien). Sondern immer nur um Lebenshaltung. Den Streit darüber, was ein gutes Leben ist und wie man richtig lebt. Ich würde das nicht notwendigerweise mit Cafes verknüpfen, sondern im Zweifel nachlesen bei Thomas Glavinic. Oder aufs Rad steigen und aus dem Perlacher Forst hinaus in Richtung Walchensee fahren und wieder zurück.
Irgendwo im Alter zwischen 35 und 40 verläuft ein Bruch, ein großer Graben, ein Rubikon, eine Demarkationslinie, auf der die Avantgardisten und Rebellen plötzlich zu Spießern mutieren, die Punks zu Bürgern und die ehemals Radikalen zu Angepassten. Kinder scheinen etwas damit zu tun zu haben. Oder das Alter. Beides, wahrscheinlich. Man kann sich dem natürlich bewusst verweigern. Echte Rebellen über 27 sind aber entweder tot (Janis Joplin, Amy Winehouse, Jimi Hendrix - alle mit 27). Oder irgendwie traurige Figuren. Auf jeden Fall nicht mehr überzeugend.
Der Rest wählt alternativlos Merkeldeutschland: Sicherheit (fünffache Polizeipräsenz!), wohltemperierte Ruhe (keine Clubs! Schon gar nicht nahe zum Haus! Biergärten nur bis 22 Uhr!) und Materialismus (sorry, keine Zeit, zu registrieren, wie steril die Stadt TATSÄCHLICH an vielen sehr hässlich flächenversiegelten Stellen ist - muss arbeiten, um mir das Leben hier leisten zu können!). Über die Münchner Bauträgerarchitektur lässt sich so trefflich herziehen, es ist beinahe schon sprichwörtlich. Schimpfwörtlich. Architekturpreise gewinnen aber die stadtplanerische Lebensqualität einer Justizvollzugsanstalt.
Sehr, sehr deutsch jedenfalls alles. Warum sonst wäre München seit Jahren Deutschlands Nr. 1 auf der Beliebtheitsskala? München, wo die Jungs wieder Leopold, Maximilian oder Benedikt, nein, nicht einfach nur heißen, wo sie so GETAUFT werden, in der Isar natürlich mit entsprechendem Familienbrimborium. Eigentlich sympathisiert man ja mit dem FC St. Pauli. Oder wenigstens mit Schalke. Um Gottes willen nein, natürlich mit den 60ern (1860 München), schon wegen Giesing und dem Stadio mitten in der Stadt. die 60er spielen zwar seit jeher nie sonderlich gut haben aber das schönste Stadion mit der besten Stimmung (die Spiele hört man in unserem Garten in Ramersdorf, und das Stadion gehört nicht dem Verein, sondern der Stadt München weil der Verein notorisch klamm ist). Uneigentlich steht die eigene Brut aus unerfindlichen Gründen aber auf den FC Bayern (die fraglos viel besser spielen als die 60er), und du findest dich im Fanshop wieder, überteuerte Trikots in Rot kaufend. Oder heimlich online. Demokratie ist eben auch, die Haltung Andersdenkender mit zu verteidigen, lol.
Disclosure: Ich war in mehr als 50 Ländern, auf allen Kontinenten und in sehr vielen Städten, großen und kleinen. Ich bin Kurpfälzer (aus Heidelberg, auch eine sehr nice Stadt mit Fluss), mit hessischen, italienischen und ostpreußischen Wurzeln. Mit jeder Reise bin ich lieber nach München zurückgekehrt. Weil mit jedem Mal klarer wurde, wie gut es hier ist, im Vergleich. IN SUMME. Ich würde aber auch jederzeit woanders hingehen. Nur: Es gibt grad gar keinen Grund dafür. Seit 1990.
Komischer Satz übrigens, vollkommen uncool auf den ersten Blick - aber sehr wert, genauer darüber nachzudenken (den verlinkten Artikel lesen hilft auch, aber der ist wieder mal hinter einer Paywall): "In Deutschland spürt man die Rechtsstaatlichkeit"
Münchner Logik
dunkles Weißbier
Gemüse-Fleischpflanzerl
konservative Progressivität
kreative Saturiertheit
dörfliche Großstadt


