dust & distance: Unsupported Ultra in den Alpen

So! F*** steil!

Ein Ultracycling-Graveltrennen von München aus durch die Ammergauer Alpen, das Wetterstein-Gebirge und den Karwendel: Das klang so verlockend, dass ich nicht nein sagen konnte, als die kurzfristige Anfrage kam. Die 12.000 Höhenmeter auf rund 550 Kilometer Distanz hätten mir allerdings Warnung sein müssen: Es war als Gravelrennen ausgelobt, war vom Chrakter her aber über weite Teile ein Mountainbike-Wettbewerb. Inklusive Bike-Bergsteigen und ausgiebigen hike a bike-Abschnitten. Vieles davon wäre mit Hardtail und kleinem Kettenblatt fahrbar gewesen. Mit dem Gravelbike nicht.

Stairway to Heaven: In der Langversion über 172 Kilometer sind zwei mächtige Anstiege zu bewältigen, der Colle di Sampeyre (2.284 m), auf den der höchste Punkt des Rennens mit zwei unmittelbar hintereinander liegenden Peaks folgt, dem Colle Fauniera (2.481 m) und dem Colle di Esischie (2.370 m). Danach eine lange schnelle Abfahrt und nach 145 Kilometern mit Madonna del Colletto (1.304 m) der letzte Anstieg des Rennens, der dir noch einmal alles abverlangt. Danach stehen rund 4.300 Höhenmeter auf der Uhr, und es geht die letzten 30 Kilometer schnell und flach ins Ziel nach Cuneo. ©2026 Offizielle Pressefotos vom Veranstalter

Am Vorabend des Rennens veranstaltet Cuneo eine Art Karnelvalsumzug, in dem der Ort sich selbst feiert. Er mündet in die Piazza Galimberti, das Zentrum von Cuneo, umgeben von einem stadionartigen Straßenoval, ideal für Start und Ziel sowie eine Expo im Inneren. Feuerwehr, Polizei, Militär, der Botschafter des Gastlandes (dieses Jahr Dänemark), Bürgermeisterin und regionale Prominenz stehen auf der Bühne, während ein Live-Orchester mit Opernsängerin die italienische Nationalhymne zelebriert und eine Flamme entzündet, die über das Rennwochenende brennt wie bei olympischen Spielen. Das rührende Pathos hat eine klare Botschaft: Dieses Rennen gibt es seit 37 Jahren, weil die ganze Region es feiert. Es ist eine zur Zeremonie gewordene Demonstration von Regionalstolz, Zusammenhalt und Miteinander. ©2026 Hartmut Ulrich

Start am Sonntag Morgen um 7 Uhr zum 37. Granfondo Fausto Coppi. Mehrere Tausend Teilnehmer, alle im gleichen Trikot, das Teil des Starterpakets ist und verpflichtend  für die Rennteilnahme. Die beiden kürzeren und die Langversion enden alle wieder auf der Piazza Galimberti. Am gleichen Wochenende waren auch die italienischen Straßenmeisterschaften, am Vortag rauschten die Profis hier dreimal durch und verliehen der Location zusätzliches Radsport-Flair. ©2026 Offizielle Pressefotos vom Veranstalter

Das Starterfeld über drei verschiedene Distanzen geht gemeinsam auf die Strecke, später trennen sich die Felder. Zwei Drittel der Teilnehmer fahren den Medifondo mit 111 Kilometern, während sich weniger als ein Drittel für die Langversion entscheidet. Von Anspruch und Charakter ähnelt der Granfondo Fausto Coppi dem Radmarathon im Tannheimer Tal (auch zwei Pässe, 50 km länger), ist aber weniger hart als der Ötztaler Radmarathon. (vier Pässe, 60 km länger), ©2026 Offizielle Pressefotos vom Veranstalter

Prolog: Wie Fausto Coppi sich 1949 unsterblich machte


Es ist der 10. Juni 1949. Der Giro d'Italia ist in vollem Gange, nach der Tour de France das prestigeträchtigste Profirennen der Welt (die dritte Grand Tour, die Vuelta, wurde nach dem Krieg erst ab 1955 wieder regelmäßig ausgetragen). Lediglich 43 Sekunden trennen vor der 17. Etappe den Führenden in der Gesamtwertung, Adolfo Leoni, vom Zweiten, dem jungen Fausto Coppi. Auf seinen größten Rivalen und Dritter in der Gesamtwertung, Gino Bartali, hat Coppi bereits rund neun Minuten Vorsprung. Bartali ist damals die Leitfigur des italienischen Radsports und selbst eine Legende. Er hat aber bereits den Zenith seiner Karriere überschritten und wird auch "Il Vecchio" genannt, der "der Alte", was sich zugleich auf seine fortgeschrittene Karriere bezieht aber auch seine Rolle als Chef im Feld unterstreicht.


Die 17. Etappe, die in Cuneo startet und in Pinerolo endet, hat es in sich. Nach heutigen Maßstäben wäre eine solch brutale Etappe kaum noch Teil einer mehrwöchigen Rundfahrt: Mit 254 Kilometern extrem lang für heutige Verhältnisse und mit gleich fünf Alpenpässen auch extrem hart (Maddalena, Vars, Izoard, Monginevro und Sestriere, insgesamt mehr als 5.000 Höhenmeter).


62 Kilometer nach dem Start beschließt Coppi zu attackieren. Alleine, ohne Hilfe seiner Mannschaft, die ihm lediglich nach besten Kräften den Rücken frei hält (auch das wäre heute kaum noch möglich. Coppi fuhr für das Team Bianchi-Ursus). Coppi bestreitet die folgenden 192 Kilometer der Etappe alleine von vorne. Bartali tut alles, um an Coppi heranzukommen, kann ihn aber nicht einholen, im Gegenteil: Er verliert Minute um Minute. Am Ende kommt Bartali als Zweiter ins Ziel, hat aber in einer einzigen Etappe 11:52 Minuten auf Coppi verloren. Coppi nimmt damit Adolfo Leoni nicht nur das Maglia Rosa ab, das rosa Trikot des Gesamtführenden, er hat seinen knappen Rückstand von 43 Sekunden auch in einen komfortablen Vorsprung von über 23 Minuten verwandelt. Damit ist der Giro 1949 so gut wie entschieden. Unvergessen ist der Radiokommentar von Mario Ferretti, der Coppis episches Solo mit dem Satz verdichtet: „Ein Mann allein hat das Kommando, sein Trikot ist weiß und blau, sein Name ist Fausto Coppi.“ Dieser Satz hat die Etappe fast so berühmt gemacht wie die Fahrt von Fausto Coppi selbst.


Cuneo-Pinerolo ist aber nicht nur ein Etappensieg, es ist ein Kapitel, das bis heute als Inbegriff von epischem Straßenradsport gilt. Mit seinem 192-Kilometer-Solo prägt Coppi den Mythos des modernen Offensivfahrers: angreifen, wenn das Gelände sich anbietet und dem Gegner niemals Ruhe lassen. Bartali war Coppis zentraler Rivale, als konservativer Katholik ein Symbol für das traditionelle Italien der Nachkriegszeit, während der junge lebenslustige Coppi nun als Vertreter einer neuen Epoche und eines neuen Radsports in Erscheinung trat. Die Etappe Cuneo-Pinerolo gilt deshalb auch als symbolischer Generationswechsel.


1949 war Coppi auf dem Weg zu einer außergewöhnlichen Saison: Er gewann später im selben Jahr auch die Tour de France und wurde damit der erste Fahrer, der Giro und Tour im selben Jahr holte (die Vuelta wurde wie gesagt erst 1955 wieder regelmäßig ausgetragen). Coppi starb 1960 mit nur 40 Jahren an den Folgen einer Malaria-Infektion, die er sich vermutlich bei einem Rennen in Afrika zugezogen hatte - was seinen Mythos als tragisch verklärten Champion noch verstärkte.


Der Granfondo Fausto Coppi im Jahr 2026


Der Granfondo wird gegen Ende Juni ausgetragen, 2026 war es der 28. Juni. Er gehört zu den traditionsreichsten sowie anspruchsvollsten italienischen Jedermann-Radmarathons. Er wurde 1987 in Cuneo gegründet (das sich übrigens mit Betonung auf dem "u" ausspricht, nicht wie der Deutsche vermuten würde, auf dem "e"), um die Legende Fausto Coppi und die große Radsportgeschichte des Piemont zu würdigen. Die Veranstaltung verbindet ambitionierten Breitensport mit den hochalpinen Pässen der Cottischen und Seealpen – insbesondere dem Colle Fauniera, der bereits dreimal Teil des Giro war und auch "Colle dei Morti" heißt, "Pass der Toten". Der Name geht auf eine blutige Schlacht im 18. Jahrhundert zurück, die während des Österreichischen Erbfolgekriegs in dieser Gegend stattfand.


Die Streckenführung des Granfondo hat sich im Laufe der Jahre mehrfach geändert. Was mir auffiel, war der enorme Aufwand, mit der die vollständig gesperrte Route gesichert wird - Militär, Polizei und Feuerwehr kommen hier ebenso zum Einsatz wie ungezählte Freiwillige. Für einen privaten Veranstalter wäre das kaum zu leisten - das geht nur, weil hier die gesamte Region an einem Strang zieht. Großartig!


So lief das Rennen für mich


28. Juni 2026. „Il Vecchio“ passt ja auch ganz gut auf mich, mit meinen 61 Jahren als Starter in der Altersklasse M7 habe ich meinen sportlichen Zenith ebenfalls längst überschritten. Der "Chef im Feld" war ich hingegen nie, mangels Talent konnte ich noch niemals vorn mitfahren (meine VO2max ist für mein Alter immer noch überragend, aber es hapert am Kraft-Gewichtsverhältnis, mehr als 3-3,2 Watt pro kg Körpergewicht bringe ich nicht auf die Pedale). Zu gewinnen gibt es für mich aber etwas anderes, ähnlich kostbar wie Siege, und das sind intensive und unvergessliche Erlebnisse. Wichtig ist, dass ein Rennen ohne Stürze, Pannen oder sonstige Dramen abläuft. Das ist dann zwar schlecht für die Story - aber gut für die Stimmung.


An meinem treuen ROSE X-lite Six von 2018 ist nichts mehr Original bis auf den Rahmen. Die Newmen-Laufräder mit den hooked-Felgen (finde ich sicherer als hookless, wenn du tubeless fährst) und den flachen Carbonspeichen sind perfekt fürs Bergfahren und die schnellen Abfahrten, die 165er-Kurbel in Kombination mit der Gravelschaltung Wireless SRAM Red XPLR 1x11 ist für mich die ideale Kombination, um auch an wirklich steilen Anstiegen nicht absteigen und schieben zu müssen (vor allem schont das die Knie - selbst bei extrem langen Ultras hatte ich noch niemals Knieprobleme). Die 32er Conti GP5000 S TR fahre ich tubeless und seit mehreren tausend Kilometern ohne jede Panne (einen Durchstich hat die Dichtmilch sofort verschlossen, und das ist jetzt auch schon wieder eine Weile her). Die etwas breiteren Slicks lassen sich mit weniger Druck fahren (bei meinem Körpergewicht von 77 kg vorn 4,3 und hinten 4,6 bar), sie bieten überragenden Grip, ein sehr angenehmes Abrollverhalten und eignen sich hervorragend für den teilweise sehr rumpeligen, rauhen und oft rissigen Asphalt mediterraner Alpenregionen. Wenn du stets konzentiert bleibst und kein zu hohes Risiko gehst, bleibt die Sturzgefahr überschaubar.


Die Cottischen Alpen kannte ich noch nicht, es war wundervoll. Die Bedingungen waren angenehm sommerlich mit wenig Wind, und weil es mehr als ausreichend Labestationen gab, ging mir trotz der anfänglichen Hitze nie das Wasser aus - in den Bergen war es ohnehin deutlich kühler. Am frühen Nachmittag brauten sich an den Berghängen erwartungsgemäß Gewitter zusammen. Das fand ich weniger lustig, mit Gewitter ist nie zu spaßen, in den Bergen gleich gar nicht. Es blieb aber bei dunklen Wolken und ein paar nahen lauten Donnerschlägen, die mich zusammenzucken ließen. Es folgte ein kurzer Regenguss - nicht weiter schlimm bei den Temperaturen, eher erfrischend und kühlend. Die Straße war zwar kurzzeitig nass, bei der folgenden langen Abfahrt war also besondere Vorsicht angesagt, aber letztlich kein Problem für mich.


Ich war schon länger keinen Granfondo mehr auf der Straße gefahren, in den letzten Jahren waren es vor allem die deutlich langsameren und eher durch die Vielseitigkeit ihrer Anforderungen reizvollen Gravel-Ultradistanzen. So war es durchaus interessant, sich selbst wieder einmal auf der Straße ans Limit zu bringen: Zwar sind 172 Kilometer keine übermäßig lange Prüfung für ein Eintagesrennen, aber wenn du versuchst, die 4.300 Höhenmeter so zügig wie möglich zu absolvieren, bist du auch nach einem für meine Verhältnisse eher kurzen Rennen verdammt froh, im Ziel zu sein. Knapp über neun Stunden wurden es ja doch, die langen Anstiege ziehen sich eben.


Die nackten Zahlen: 9:15:28 Stunden für 172 Kilometer und 4.330 Höhenmeter, das ergibt ein Stundenmittel von knapp 19 km/h inklusive aller Standzeiten. Platz 468 von 534 Startern, Platz 31 in meiner Altersgruppe M7. 1.509 Starter finishten den Mediofondo (111 km, 2.550 Hm), einige Hundert Teilnehmende die dritte Kategorie ohne Ranking, die Fauniera Classic mit 101 km und 2.187 Hm (dort sind auch diejenigen aufgeführt, die auf Mediofondo oder Granfondo gestartet waren und sich unterwegs für eine Abkürzung entschieden).


Lust bekommen, die epischen Pässe der Cottischen und der Seealpen selbst einmal in Angriff zu nehmen? Dann hier entlang zur offiziellen Webseite des Granfondo Fausto Coppi.

Der Colle d’Esischie (hier im Bild) gehört mit dem Colle Fauniera zu den „Colli di Cuneo“ und wurde beim Giro d’Italia mehrfach befahren, unter anderem 1999, 2001 und 2003. Auf dem Fauniera steht ein Denkmal für Marco Pantani, auf dem Esischie eine Sonnenuhr zu Ehren von Fausto Coppi (im Hintergrund links neben dem roten Zelt). ©2026 Offizielles Pressefoto

Die Abfahren sind lang und schnell, sie erfordern solide Fahrtechnik - und gute Bremsen. An meinem knallgelben Gilet, das ich mir am Vortag auf der Expo zur Sicherheit für die langen Abfahrten in den Bergen gekauft hatte, ging bereits beim ersten Versuch der Reißverschluss kaputt, so dass ich es nicht schließen konnte. Am letzten Verpflegungspunkt habe ich mich direkt wieder davon getrennt. Für die letzten flachen rund 30 Kilometer bis ins Ziel suchst du dir am besten rechtzeitig eine schnelle Gruppe, der du dich anschließen kannst. ©2026 Offizielle Pressefotos vom Veranstalter