Der "Riese der Provence" mit dem Rad. 2023 und 2026.

Club des Cinglés du Mont Ventoux

Für einen echten Rennrad-Enthusiasten gehört der legendäre Tour-de-France-Berg in der französischen Provence zu den unverzichtbaren Sehnsuchtszielen. Mindestens einmal im Leben solltest du ihn erklommen haben - und im Idealfall dreimal an einem einzigen Tag von allen Seiten, von Bédoin, Malaucéne und Sault. Dann bist du willkommen im "Club der Verrückten", dem Club des Singlés du Mont Ventoux.

Mont Ventoux

Unzählige Radsport-Dramen haben sich auf diesem letzten sehr steilen Stück kurz vor dem Gipfel des Ventoux abgespielt - danach kommt nach der Rechtskurve noch eine betonierte Rampe, die noch mal steiler wird. Wenn du hier noch sprinten kannst, kannst du deinen Kontrahenten die entscheidenden Meter abnehmen.

Ein Leben ohne Berge ist möglich - aber sinnlos. Ganz gleich, ob am Seil, im Eis, per Pedes oder eben auf dem Rad. Am liebsten alles zusammen. Ausgenommen sind natürlich Müllberge und Berge von Arbeit. Wenn du jedenfalls zwei Wochen mit der Familie am Meer warst, und die höchste Erhebung die "Todesdüne" war, die nur deswegen so heißt, weil es im heißen losen Sand mit Longboard am langen Arm ganz schön anstrengend war, die unfassbaren 20 (!) Höhenmeter zu überwinden. Da ist es nur logisch, dass wenigstens auf der Rückreise ein richtiger Berg sein musste. 


Der Mont Ventoux. Den wollte ich schon immer mal selbst erleben. Ganze Bücher sind geschrieben worden über den "Giganten der Provence", der so exponiert in der wundervollen Landschaft steht, dass er aus der Ferne eher wirkt wie der Kilimanjaro. Obwohl der Ventoux mit 1.909 Metern nur gerade mal so als Voralpenhügel durchginge. Zudem sieht das Ding aus, als wäre es künstlich aufgeschüttet - es gibt keinerlei Felsformationen, sondern nur Schotter. Eine gewaltige schiefe Ebene Schotter. Zweitausend Höhenmeter Schotter. Nicht ohne Grund heißt die Fahrt auf den Ventoux auch "Reise zum Mond". Aber auf dem Rad ist er ein Mythos.

Ich erspare Euch all die Nerd-Geschichten um Eddy Merckx (1967) und Tom Simpson (der bei der Tour 1967 auf dem zweiten Platz liegend am Berg vor Erschöpfung starb und heute ein mit Trinkflaschen und Trikots verziertes Denkmal an der betreffenden Stelle nur etwa einen Kilometer vor der Bergankunft am Gipfel hat), die radlose Jogging-Zielankunft von Chris Froome (2016) oder der legendäre Kampf zwischen Jan Ullrich und Marco Pantani (2000).


Die Strava-Segmente entlang der legendenumwobenen Anstiege am Ventoux zählen je nach Segment zwischen 110.000 und 290.000 Einträge (also Strava-Mitglieder, die sich bereits am Berg versucht haben). Die vorderen Plätze sind weitgehend belegt von klingenden Namen der Radprofis aus der World Tour (Pogi führt standesgemäß die Liste an) oder von Ex-Profis - auch wenn es beinahe wöchentlich irgendwelche Würstchen mit Knacks im Geltungsbewusstsein gibt, die mit dem Motorrad aufzeichnen und dann nach einigen Wochen von den Strava-Admins mit ihren Fake-Bestplatzierungen wieder gelöscht werden, weil die Leistungsdaten einfach nicht richtig sein können.


Und dann gibt es den Club vom Mont Ventoux. Den Club der Spinner: "Le Club des Cinglés du Mont Ventoux" ("Es ist nicht verrückt, den "Ventoux" zu erklimmen, aber es ist verrückt zurückzukehren, um es nochmal zu tun"). Mitglied kann demnach werden, wer den Ventoux an einem Tag mindestens dreimal hochklettert, von allen Seiten, die alle auf mehr oder weniger glattem Asphalt bis auf den Gipfel mit dem legendären Funkturm führen, von Bédoin, Malaucéne und Sault. Jeweils rund 1.500 Höhenmeter pro Anstieg, in Summe rund 4.500 Höhenmeter und rund 140 Kilometer. Das klingt nicht unendlich hart (der "Ötztaler Radmarathon" z.B. führt über vier Alpenpässe, 225 km und 5.300 Höhenmeter). Ist es aber.


Nun, was soll ich sagen: Als passionierter Radsportler löst du durch deine Aktionen ja ohnehin das eine oder andere Mal verständnisloses Kopfschütteln bei deinen Mitmenschen aus. Seit gestern bin ich jedenfalls offizieller Anwärter: Die Karte mit den Stempeln, die du an den Startorten und am Gipfel während deiner Anstiege einholst, muss ich jetzt erst mal per Post an "Le President" schicken - und bekomme dann hoffentlich in so einem Monat meine Ernennungsurkunde und das offizielle Listing auf der Clubseite im Internet (Nachtrag: die Urkunde ist natürlich längst da, mein Eintrag in der Ewigen-Bestenliste auch). 


Übrigens bin ich das nicht auf der letzten Rille gefahren: Erstens wollte ich das Abenteuer genießen und während der Anstiege so viele Bilder wie möglich machen. Am Simpson-Monument absteigen. Nicht wie ein Geisteskranker abfahren - und vor allem nichts riskieren. Und last not least: Unter keinen Umständen aufgeben müssen. Zu gewinnen gibt es für mich eh schon lange nichts mehr. Nur Erlebnis. Grandioses, unvergleichliches Erlebnis. Und das ist wertvoller als jeder Pokal. Naja, fast.

August 2026: Geburtstags-Auffahrt zum 50. von Flo

Alles Gute, Flo, zum 50.! Als wir Anfang August 2026 den Ventoux in Angriff nahmen, war schon alles vorbereitet für die Tour de France der Frauen: die würden zwei Tage nach uns ihre Königsetappe am Ventoux beenden - zum ersten Mal in der Geschichte des Radsports. Die Absperrungen am Chalet Reynard, weiter oben am Schlussanstieg und die Fahrzeuge am Gipfel sorgten bereits zwei Tage vorher für Stimmung und zusätzliches Tour-Feeling.

Wenn ein Freund 50 wird und beschließt, den Runden mit einem Gläschen am Gipfel des Mont Ventoux zu feiern, dann ist das durchaus einen gewissen Aufwand wert. Als wir die Nachricht bekamen, planten wir unseren Sommerurlaub ein bisschen um, so dass wir am betreffenden Datum einen Campingplatz in Bédoin hatten und von dort aus starten konnten. Dass die Tour de France der Frauen fast zeitgleich dort fahren würde, wussten wir noch nicht - zum Glück verhinderte das sportliche Großereignis nicht unsere eigenen Ambitionen.


Um die Auffahrt gleich mit einer Aufnahme in den "Club der Verrückten vom Mont Ventoux" zu krönen, hatte ich uns Brevetkarten bei "Le Président" Pierre Pic bestellt: Die bekommt man per Post, wählt seinen Starttag selbst und muss dann an einem Tag dreimal den Berg befahren. Man lässt sie sich beim Start einmal in einer Bäckerei oder Café abstempeln, dann am Gipfel und in den folgenden Orten der drei Auffahrtsrichtungen. Schickt man sie anschließend wieder ein, erscheint man in der Ewigen-Bestenliste (ich stehe dort seit 2023 drin und trug dieses Mal auch das Cinglé-Trikot, das seinen Träger als Radverrückten ausweist).


Am Morgen des 4. August hatte es dann aber 38 Grad in der Provence, die vierte Hitzewelle dieses Sommers tobte über das Land, Radfahren schien bei solchen Temperaturen fast nicht möglich. Als wir in der Frühe starteten, waren die Temperaturen noch halbwegs erträglich. Doch nach nicht einmal einer halben Stunde im Anstieg riss dem Geburtstagskind die Kette. Bei genauerer Betrachtung stellte sich heraus, dass die nagelneue Kette beim Einkürzen nicht sauber vernietet worden war - der Niet war einseitig aufgesprungen. Dass passiert gar nicht mal so selten und ist der Grund, dass man Ketten heute eigentlich gar nicht mehr nietet, sondern immer mit Kettenschloss verschließt. Dessen beide Glieder stabiliseren sich selbst auf Zug, und man kann diese Schlösser zur Not sogar ganz ohne Nietwerkzeug öffnen und schließen. Wir hatten zwar Werkzeug mit, jedoch kein passendes Kettenschloss für eine Zehnfach-Kassette (theoretisch habe ich immer welche im Werkzeug, ich fahre aber SRAM und nicht Shimano und zudem eine Elffach-Kassette, das hätte wohl auch zu Improvisationszwecken eher nicht funktioniert. Zudem hatte ich auch dieses Ersatzteil gar nicht mit.


Also sind wir nach kurzer Verzweiflung alle zusammen wieder bergab nach Bédoin gerollt. Das geht auch mit gerissener Kette - die Strecke fällt so gleichmäßig ab, dass wir keine halbe Stunde später wieder am Startpunkt standen. Flo erinnerte sich an einen Fahrradverleih, den er am Vortag bemerkt hatte und lieh sich ein Rad. Mit einer Stunde Verspätung nahmen wir die Auffahrt dann nochmal in Angriff.


Jetzt war die Sonne über den Berg, es schon spürbar heißer, ging aber. Endlich! Je weiter wir nach oben kletterten, desto kühler wurde es, am Gipfel schließlich hatte es erfrischende 20 Grad. Das Gipfel-Geburtstagsgläschen hat dann also doch noch geklappt. Für drei Auffahrten an einem Tag allerdings nicht, dafür war es zu heiß, dafür waren wir den ersten Anstieg zu schnell gefahren, dafür war es auch schon ein bisschen spät. Also die Abfahrt nach Malaucéne runter vom Berg und unten die rund 15 Kilometer quer rüber zurück nach Bédoin.


Am nächsten Tag war es genauso heiß. Wir hatten bis Mitternacht Geburtstag gefeiert, aus unerfindlichen Gründen wollten die beiden Leidensgenossen vom Vortag kein zweites Mal auf den Ventoux. Versteh ich gar nicht. Also bin ich am Nachmittag (in der größten Hitze des Tages) nochmal alleine gestartet, für mich also insgesamt das fünfte Mal.


Die Brevet-Karten liegen immer noch bereit: Es spielt ja keine Rolle, wann man das Triple versucht, man muss lediglich alle drei Auffahrten an einem Tag belegen können. Vielleicht versuchen wir das ja im September oder Oktober.


Cheers!