Granfondo La Fausto Coppi

Ich war noch niemals im Piemont

Die Cottischen Alpen gehören ganz sicher nicht zu den Zielen, die der Münchner mal eben übers verlängerte Wochenende heuschreckenartig überrennt: Das Städtchen Cuneo liegt fast doppelt so weit von München weg wie, sagen wir, der Gardasee. Bis Nizza ist es von Cuneo nur noch ein Katzensprung über die Grenze. Schon deshalb war der älteste Grandfondo Europas etwas Besonderes für mich. 2026 startete der Klassiker zum 37. Mal, zu Ehren des legendären Bergfahrers Fausto Coppi, der sich 1049 auf der Giro-Etappe Cuneo-Pinerolo zur Legende machte. Ich war überrascht von der Bedeutung der Veranstaltung für die Region, von der Orga, der Streckenführung, dem Charme von Cuneo - und der glühenden Liebe der Italiener zu ihrem Radsport-Idol.

Am Vorabend des Rennens veranstaltet Cuneo eine Art Karnelvalsumzug, in dem der Ort sich selbst feiert. Es gibt so etwas wie den Einzug der Gladiatoren auf dem großen Platz im Zentrum von Cuneo, wo auch Start und Ziel ist. Polizei, Militär, der Botschafter des Gastlandes (dieses Jahr Dänemark), Bürgermeisterin und Landesobere stehen mit auf der Bühne, während ein Live-Orchester mit Opernsängerin die italienische Nationalhymne zelebriert. Dieses beinahe schon rührende Pathos hat eine klare Botschaft: Dieses Rennen gibt es seit 37 Jahren, weil wir es so wollen. Es ist eine zur Zeremonie gewordene Demonstration von Stolz, Einigkeit und Miteinander.
©2026 Hartmut Ulrich

Start am Sonntag Morgen um 7 Uhr zum 37. Granfondo Fausto Coppi. Mehrere Tausend Teilnehmer, alle im gleichen Trikot, das verpflichtend ist für die Rennteilnahme. Die beiden kürzeren und die Langversion führen gegen Ende wieder zusammen und enden alle auf dem gleichen zentralen Platz in Cuneo. Am gleichen Wochenende waren auch die italienischen Straßen-Meisterschaften, am Vortag rauschten auch die Profis hier dreimal durch und verliehen der Location zusätzliches Radsport-Flair.
©2026 Offizielle Pressefotos vom Veranstalter

In der Langversion über 172 Kilometer sind zwei mächtige Anstiege zu bewältigen, der Colle di Sampeyre (2.284 m) und der Colle Esischie (2.370 m), auf den direkt der höchste Punkt des Rennens folgt, der Colle Fauniera auf 2.481 m. Danach folgt eine lange schnelle Abfahrt und nach 145 Kilometern mit Madonna del Colletto (1.304 m) der letzte Anstieg des Rennens, der den Teilnehmern noch einmal alles abverlangt. Danach stehen rund 4.300 Höhenmeter auf der Uhr, und es geht schnell und flach ins Ziel nach Cuneo. ©2026 Offizielle Pressefotos vom Veranstalter

Wie Fausto Coppi sich 1949 zur italienischen Radsport-Legende krönte


Es war der 10. Juni 1949. Der Giro d'Italia war in vollem Gange und mit der 17. Etappe in seiner entscheidenden Phase. Coppi lag auf dem zweiten Platz, nur 43 Sekunden hinter dem Führenden Adolfo Leoni. Auf seinen größten Rivalen, den legendären Gino Bartali, hatte Coppi rund neun Minuten Vorsprung. Bartali war damals die führende Figur des italienischen Radsports


Die 17. Etappe, die in Cuneo startete und in Pinerolo endete, hatte es in sich: Mit 254 Kilometern war sie für heutige Verhältnisse nicht nur extrem lang, sie enthielt auch fünf harte Alpenpässe, Maddalena, Vars, Izoard, Monginevro und Sestriere, die sich auf mehr als 5.000 Höhenmeter summierten.


Nach 62 Kilometer attackierte Coppi und fuhr die folgenden 192 Kilometer der Etappe alleine in Führung liegend. Bartali jagte dahinter, kam als Zweiter ins Ziel, verlor aber 11:52 Minuten. Coppi nahm damit dem Führenden Adolfo Leoni das Rosa Trikot ab und verwandelte seinen knappen 43-Sekunden-Rückstand in einen Vorsprung von rund 23 Minuten auf den Zweiten Bartali in der Gesamtwertung., womit er den Giro quasi entschied. Unvergessen ist der Radiokommentar von Mario Ferretti, der Coppis Alleinfahrt mit dem Satz verdichtete: „Ein Mann allein hat das Kommando, sein Trikot ist weiß und blau, sein Name ist Fausto Coppi.“ Dieser Satz hat die Etappe fast so sehr berühmt gemacht wie die Fahrt selbst.


Die legendäre Etappe war nicht einfach ein Etappensieg, sondern ein Angriff auf das ganze Rennen und ein Kapitel, das bis heute als Inbegriff von epischem Straßenradsport gilt. Mit seinem 192-Kilometer-Solo verschob Coppi nicht nur die Gesamtwertung, sondern prägte auch den Mythos des modernen Offensivfahrers: angreifen, sobald das Gelände passt, und den Gegnern keine Ruhe lassen. Zudem war Gino Bartali auch nicht irgendein Verfolger, sondern Coppis prägender Gegner: älter, bereits mehrfach erfolgreich, oft „Il Vecchio“ genannt, als konservativer Katholik ein Symbol für das traditionelle Italien der Nachkriegszeit, während der junge lebenslustige Coppi als Vertreter einer neuen Epoche und eines neuen Radsports in Erscheinung trat. Die Etappe Cuneo–Pinerolo wurde deshalb auch als symbolischer Generationswechsel gelesen.


1949 war Coppi auf dem Weg zu einer außergewöhnlichen Saison: Er gewann später im selben Jahr auch die Tour de France und wurde damit der erste Fahrer, der Giro und Tour im selben Jahr holte. Coppi starb 1960 mit nur 40 Jahren an den Folgen einer Malaria-Erkrankung, die er sich vermutlich bei einem Rennen in Afrika zugezogen hatte, was seinen Mythos als tragisch verklärten Champion verstärkte.


Der Granfondo Fausto Coppi im Jahr 2026


Der Granfondo wird gegen Ende Juni ausgetragen (2026 war es der 28.) und gehört zu den traditionsreichsten sowie anspruchsvollsten italienischen Jedermann-Radmarathons. Er wurde 1987 in Cuneo gegründet, um Fausto Coppi und die Radsportgeschichte des Piemont zu würdigen. Die Veranstaltung verbindet seitdem ambitionierten Breitensport mit den hochalpinen Pässen der Cottischen und Seealpen – insbesondere dem Colle Fauniera, der bereits dreimal Teil des Giro war. Die Strecke hat sich mehrfach geändert. Was mir auffiel, war der hohe Aufwand, mit der die Route abgesichert wird - Militär, Polizei und Feuerwehr kommen hier ebenso zum Einsatz wie Freiwillige. Für einen privaten Veranstalter ist das kaum zu machen - es geht nur, weil hier die gesamte Region an einem Strang zieht. Großartig!


Über das Rennen selbst habe ich gar nicht so viel zu erzählen. Es lief für mich ohne weitere Zwischenfälle - die 32er Tubeless Conti GP500 S TR fahre ich seit mehreren tausend Kilometern ohne Panne, die etwas dickeren Reifen eigenen sich hervorragend für die teilweise sehr rumpeligen Asphaltpisten der mediterranen Alpenregion, und wenn du stets konzentiert bleibst und kein hohes Risiko gehst, ist die Sturzgefahr auch überschaubar. Am treuen ROSE X-lite Six ist nichts mehr Original bis auf den Rahmen, die Newmen-Laufräder mit den Carbonspeichen sind perfekt fürs Bergfahren, die 165er-Kurbel in Kombination mit der SRAM XPLR sind für mich die ideale Kombination, um auch an wirklich steilen Anstiegen nicht absteigen und schieben zu müssen.


Für mich ging es ohnehin nicht um Bestezeiten und Platzierungen, sondern ums Erlebnis, und die Cottischen Alpen kannte ich noch nicht. Die Bedingungen waren angenehm sommerlich, weil es aber mehr als ausreichend Labestationen gab, lief ich trotz der anfänglichen Hitze nicht trocken - in den Bergen war es ohnehin deutlich kühler. Am Nachmittag brauten sich an den Berghängen erwartungsgemäß Gewitter zusammen, ein paar Donnerschläge, ein kurzer Regenguss - nicht weiter schlimm bei den Temperaturen, sondern eher erfrischend und kühlend. Sorgen machte mir lediglich die Gewittergefahr - damit ist in den Bergen niemals zu spaßen.


Ich war schon länger keinen Granfondo mehr auf der Straße gefahren, in den letzten Jahren waren es vor allem die deutlich langsameren und auf ganz andere Weise harten Gravel-Ultradistanzen. So war es durchaus interessant, sich selbst wieder einmal auf der Straße zu beobachten: Zwar sind 172 Kilometer keine übermäßig lange Prüfung für ein Eintagesrennen, aber wenn du versuchst, die 4.300 Höhenmeter so zügig wie möglich zu absolvieren, bist du auch nach einem für meine Verhältnisse eher kurzen Rennen verdammt froh, im Ziel zu sein. Und etwas über neun Stunden wurden es dann ja doch, die Anstiege ziehen sich.


Die nackten Zahlen: 9:15:28 Stunden, Platz 468 von 534 Startern über die Langdistanz mit 172 km und 4.300 Hm, Platz 31 in meiner Altersgruppe M7. 1.509 Starter finishten den Mediofondo (111 km, 2.550 Hm), einige Hundert ohne Ranking-Wertung die Fauniera Classic mit 101 km und 2.187 Hm (dort sind auch diejenigen aufgeführt, die auf den längeren Distanzen gestartet waren aber abkürzen mussten).


Lust, es mal selbst zu versuchen?

Dann hier entlang zur offiziellen Webseite des Granfondo Fausto Coppi.


Der Colle Fauniera (Colle dei Morti) und der benachbarte Colle d’Esischie (im Bild) gehören zu den „Colli di Cuneo“ und wurden beim Giro d’Italia mehrfach befahren, unter anderem 1999, 2001 und 2003. Auf dem Fauniera steht ein Denkmal für Marco Pantani, auf dem Esischie eine Sonnenuhr zu Ehren von Fausto Coppi. Die Labestation am Colle d’Esischie bildet den höchsten Punkt des Granfondo, im Hintergrund die steineren Sonnenuhr. ©2026 Offizielles Pressefoto

Die Abfahren sind lang und schnell, sie erfordern solide Fahrtechnik - und gute Bremsen. An meinem knallgelben Gilet, das ich mir noch am Vortag auf der Expo des Rennens für die langen Abfahrten in den Bergen gekauft hatte ging nach drei Versuchen der Reißverschluss kaputt, am letzten Verpflegungspunkt habe ich mich flugs davon getrennt. Für die letzten flachen und schnellen rund 30 Kilometer bis ins Ziel suchst du dir am besten rechtzeitig eine Gruppe, der du dich anschließen kannst. ©2026 Offizielle Pressefotos vom Veranstalter