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Auf den Eiger (3.967 m) wollte ich immer. All diese atemberaubenden Geschichten. Es blieb zwar immer ein eher diffuser Anflug individueller Beklopptheit, wie ihn nur echte „Conquérants de l’inutile“ erleben. Aber die Schnapsidee hat sich über viele Jahre gehalten – und sie ging nicht weg. „Conquérants de l’inutile“ – „Eroberer des Unnützen“: Der französische Kletterpionier Lionel Terray hat sein Buch über das Bergsteigen so genannt, und ich wüsste keine treffendere Bezeichnung für diese so gänzlich nutzlose Leidenschaft als seine. Was nutzlos ist, muss aber bei weitem nicht sinnlos sein – ganz im Gegenteil: Es findet sich so unglaublich viel Erfüllung in den vermeintlich nutzlosesten Tätigkeiten, dass ich überzeugt bin, es kommt uns nur so komisch vor, weil wir weitgehend verlernt haben, Nutzen anders zu betrachten als rein ökonomisch.

Der Eiger lag jedenfalls so unendlich weit außerhalb meiner Fähigkeiten und Möglichkeiten, dass er ziemlich viele Jahre in der Schublade „ungelebte Träume“ festklemmte. Das wundert mich nicht, in der Schublade war es schon immer sehr voll für ein einziges Leben. Erstaunlich, dass es ausgerechnet der Eiger herausgeschafft hat. Ist auch immer viel Zufall dabei.

Donnerstag wollten wir zum Akklimatisieren und zum Eingehen aufs Schreckhorn. Es liegt quasi gleich neben dem Eiger und ist einer der 82 Viertausender der Alpen. Und gilt als der mit dem schwierigsten Normalweg. So nennt man die einfachste mögliche Route zum Gipfel, und die ist beim 4.070 Meter hohen Schreckhorn vor allem deswegen schwierig, weil sie so schrecklich lang ist (etwa 14 Stunden). Beim Matterhorn (4.478 Meter) gilt der Hörnligrat als Normalweg – und der ist so machbar, dass er an guten Tagen aussieht wie die Warteschlange am Fixseil zum Everest-Gipfel – alles sehr relativ also! Der Eiger zählt übrigens nicht mit, weil ihm mit 3.970 Metern gerade mal lächerliche 30 Meter fehlen zum 83. Viertausender der Alpen. Wer also auf dem Gipfel des Eiger ankommt, hat keinen Viertausender bestiegen: um 30 Meter nicht.

Schwierig hin oder her, es war meine erste ernsthafte Bergtour seit Januar. Da war ich mit Sebi Brutscher in der Route „Carpe Diem“ durch die Rubihorn-Nordwand, und zwischen da und jetzt lag jede Menge Wahnsinn, nur keine Bergtour: Corona, geschlossene Kletterhallen, Home Office, Alpen komplett gesperrt, etliche Bergführer am Rande der Verzweiflung – nicht gerade ideale Voraussetzungen für das, was wir vorhatten. Untrainiert ist eine solche Tour nicht etwa leichtsinnig, sie ist schlicht nicht möglich.

Zum Glück gibt’s aber Fahrräder, und die haben mir nicht nur meine Laune halbwegs durch die heiße Phase der Pandemie gerettet, sondern auch die Kondition. Blieb noch ein bisschen Akklimatisierung: 4.000 Meter gelten zwar nicht gerade als Höhenbergsteigen (das beginnt erst ab etwa 6.500 Metern), aber ohne Anpassung spürt man die Höhe bei körperliche Anstrengung schon recht deutlich jenseits der Spaßgrenze. Und wir wollten ja Spaß. Und dass man auch auf 3.900 Metern höhenkrank werden kann, sollten wir wenig später live erleben.

Auf der Schreckhorn-Hütte waren wir am Freitag jedenfalls die einzigen Gäste. Der Hüttenwirt war ein bisschen überrascht, dass überhaupt zwei Irre kamen bei dem Scheißwetter, er hat dann aber doch noch ein tolles Essen gezaubert, und wir saßen mit unseren Daunenjacken im anfangs ungeheizten und bis auf uns menschenleeren Gästeraum. Und weil das Wetter am nächsten Morgen eher noch beschissener wurde, sind wir ohne einen Gipfel durch Regen, Matsch und Schafscheiße über den nassen Fels wieder abgestiegen nach Grindelwald. Von der Schreckhornhütte kann man bei guten Bedingungen zwar auch direkt über den Gletscher zur Mittellegihütte am Eiger hinüber queren. Die Betonung liegt aber auf „bei guten Bedingungen“, und wenn du im Nebel tiefhängender Soße keine zehn Meter weit siehst, ist die Überquerung eines spaltenreichen Gletschers zu zweit vielleicht nicht die beste Idee (die Wahrscheinlichkeit, in einer Zweierseilschaft einen Spaltensturz zu halten, ist deutlich geringer als bei größeren Seilschaften). Wir haben dann erst mal unsere nasse Ausrüstung getrocknet und die Schafscheiße aus den Profilen gekratzt. Samstag. Perfektes Wetter! Stahlblauer Himmel, keine einzige Wolke, null Wind. Los!

Man kann natürlich mit den Fahrrad das erste Stück zurücklegen und dann an einem Tag 2.000 Höhenmeter bis zur Mittellegihütte aufsteigen. So wie Marlies Czerny und Andreas Lettner alias Hochzwei Media das gemacht haben (die wir dann oben auf der Hütte trafen). Ich hätte mir diese Variante auch sehr gut vorstellen können, schon von Berufs wegen, bin mir aber nicht so sicher, ob mein Guide Christoph Soratroi das mit dem Bergaufradln so toll gefunden hätte. Außerdem hätte das unser Zeitfenster unzulässig verkürzt, wir hatten ja nur zwei Tage inklusive Rückfahrt nach München bzw. Innsbruck. Also haben wir den irrsinnigen Wucherpreis von 206 Schweizer Franken abgedrückt und sind mit der Jungfraubahn bis zur Station Eismeer gefahren. Dort verlässt man die Zivilisation durch einen in unserem Fall unbeleuchteten und vereisten Stollen und seilt sich am Stollenloch auf den Gletscher ab. Nach kurzem Weg über den oberen Rand des Gletschers und die gerade noch machbare Randkluft ging’s dann in leichter Kletterei hinauf zur Mittellegihütte.

Der Kenner weiß: Wir sind nicht die Nordwand hoch, sondern über den einfacheren Mittellegigrat. Die Gefahr von Stein- oder Eisschlag in der Nordwand ist immer hoch – im Sommer ist sie durch den Klimawandel und zurückgehenden Permafrost mittlerweile so gefährlich, dass das nicht einmal mehr unter Bekloppten in Frage kommt – zumindest nicht die klassische Heckmair-Route.

Wir hatten reichlich Zeit und saßen bereits am frühen Mittag entspannt auf dem Balkon der Mittellegi-Hütte und konnten uns kaum sattsehen am Panorama, das vom Mittellegigrat über den Mönch, den Trugberg, das Finsteraarhorn bis zum Schreckhorn reichte. Zum Schreckhorn blickte ich leicht wehmütig rüber: Was für ein schöner Berg, und was für ein Scheißwetter am Freitag! Am Fuß konnte man von hier aus ziemlich gut die Schreckhornhütte sehen. Der Trugberg heißt übrigens so, weil er 1841 von einer Expedition fälschlicherweise für die Jungfrau gehalten wurde, die man aus dieser Perspektive aber gar nicht sehen kann, weil sie hinter dem Mönch versteckt liegt (erstbegangen wurde der Trugberg erst 1871). Eiger kennt jeder, Schreckhorn vielleicht – aber wer hat jemals vom Trugberg gehört?

Wir also relaxt in Richtung Grat blinzelnd, sehen wir oben in Gipfelnähe einen der knallroten Hubschrauber der REGA, der Schweizer Bergrettung. Wtf? Kommt auch schon die Hüttenwirtin um die Ecke und sagt uns, wir sollen unsere Sachen festhalten. Gleich käme der Heli rein, sie fliegen eine Seilschaft von heute morgen raus. Eine junge Tschechin ist in Gipfelnähe höhenkrank geworden, Erbrechen, Schwindel – keine Chance, den Weg in diesem Zustand fortzusetzen. Hirnödeme sind in dieser relativ geringen Höhe zwar sehr selten, aber auch in 4.000 Metern ist ein Lungenödem möglich. Es ist also Eile geboten. Die junge Frau und ihr slowenischer Begleiter seinen schon viele Stunden unterwegs, sagt die Wirtin, sie hätten schon viel zu lange gebraucht für die ersten Felstürme, sie habe das mit Sorge beobachtet. Als der Hubschrauber kommt, ist es bereits 15 Uhr – viel zu spät für die lange anspruchsvolle Tour, die noch vor den Beiden läge, selbst in gesundem Zustand. Die Bergrettung setzt erst die Frau an der Hütte ab, holt dann ihren Begleiter und fliegt beide ins Tal, medizinische Betreuung. Wenige Minuten später ist der Spuk vorbei und alles wieder still. Mir wird selbst ein bisschen übel, beim Gedanken an den nächsten Morgen.

Sonntag Morgen ist eigentlich kein Morgen. Es ist noch Nacht. Um 03:30 quäle ich mich in meine Ausrüstung. Ich bin angespannt und habe noch gar keinen Hunger, esse aber trotzdem zwei Schüsseln Müsli. Besser ist das, lecker außerdem. Wir klicken die Stirnlampen an und machen uns auf. Die erste Stunde steigen wir im Licht der Stirnlampen. Tief unten im Tal blinken die Lichter von Grindelwald, über uns ein makelloser Sternenhimmel. Mitten im Sternbild des großen Bären kurz vor dem nächtlichen Horizont der Komet Neowise mit seinem gigantischen Schweif. Ich bin überwältigt. Aber wir haben keine Zeit, um in die Sterne zu gucken, sonst sind wir vielleicht die Nächsten, die die Bergrettung am Nachmittag vom Grat fliegen muss.

Wenig später beginnt es zu dämmern. Übrigens klettert es sich gar nicht soo viel anders bei Dunkelheit mit Stirnlampen als bei Tageslicht. Man ist sowieso hunderprozentig fokussiert auf den nächsten Griff und Tritt, man sollte nur gut wissen, WOHIN man tritt. Das ist in unserem Fall aber nicht besonders schwierig: immer am Grat entlang aufwärts. Hinter uns beginnt es zu dämmern, wir können bald die Stirnlampen abschalten. Kurz vor sechs haben wir die Felstürme des Mittellegigrats hinter uns, legen die Steigeisen an und betreten das Gipfeleisfeld, über das auch Besteiger aus der Eiger-Nordwand aussteigen. Um 07:32 stehen wir am Gipfel. Etwas mehr als drei Stunden haben wir gebraucht. Wir machen ein paar Fotos und setzen den Weg ohne große Pause fort. Am Gipfel hast du immer erst die Hälfte – aber nur, wenn du auch den gleichen Weg wieder absteigst. Bei uns wird es ja die Überschreitung, wir klettern weiter am Grat in Richtung Mönch. Großartige Plaisierkletterei bei traumhaften Bedingungen und null Wind: Die Anspannung ist weg, ich genieße es. Um 10:30 haben wir den Grat hinter uns und stehen auf dem Gletscher. Keine zwei Stunden später hat die Zivilisation uns zurück, und wir steigen mit Gesichtsmasken in die Bahn am „Top of Europe“.

Once in a lifetime, oder? Aber da es ja bekanntlich nur zwei Unglücke im Leben gibt: die Nichterfüllung eines Traums und seine Verwirklichung, schleicht sich direkt ein neues „man müsste mal“ ins Hirn. Die Nordwand. Ich weiß, dass ich sie könnte, konditionell und von den Schwierigkeiten. Aber die Nordwand ist eine ganz andere Nummer als der Mittellegigrat. Ist es vernüftig, von der Nordwand zu träumen? Ich kann das nicht beantworten. Ich bin ein Conquérant de l’inutile…

Danke, Christoph Soratroi für das großartige Guiding. War klasse mir Dir! Hollereiduliöh.