Müssen Kinder programmieren lernen?

Nein. Aber denken. Dass Kinder unbedingt coden lernen sollten, quasi als zweite Fremdsprache, halte ich für kein bisschen weniger last century als den bildungsbürgerlich-deutschen Dünkel, alles Digitale zu verteufeln und sich auch noch damit zu brüsten. Beides springt deutlich zu kurz. Kinder sollen nicht Programmieren lernen, sondern Denken. In alle Richtungen offenes Denken. Die Prognose ist vermutlich erschreckend richtig, dass es in Zukunft nur noch zwei Arten von Berufen gibt: Menschen, die Maschinen sagen, was sie zu tun haben – und Menschen, denen Maschinen sagen, was sie tun sollen (und nur eine Gruppe wird gut bezahlt sein). Für meine Kinder ist das eine zentrale Spielregel, ohne dass sie davon wissen. Und für die Lenker in der Industrie auch: Sie haben bereits heute Probleme, die richtigen Leute zu finden.

Aber.

Wer sich ansieht, wie Softwareentwicklung schon heute zu funktionieren beginnt, dem wird schlagartig klar: Aufs Programmieren kommt es im Kern gar nicht an. Programmierer sind im Grunde genommen sogar arme Schweine. Schon heute. Sie können in Bangalore, Wroclaw, Kapstadt, Dnjepropretowsk oder Shenzen sitzen (Verzeihung, unzulässige Klischees). Was sie zugeworfen bekommen, sind keineswegs die revolutionären Würfe von Industrie 4.0, Smart Factory oder dem Internet of Things (siehe da) – sondern Module. Teilaufgaben, Splitter, Fragmente eines großen Ganzen, das andere entwerfen.

Wie also lautet die große Frage der Zukunft? Durch welche Fähigkeiten werden Menschen sich von Maschinen unterscheiden? Genau: durch Kreativität. Nicht durch die Fähigkeit, Maschinensprachen zu sprechen. Kreativität entzieht sich algorithmischer Logik. Kreativität wirkt gerade dadurch, dass sie Regeln bricht. Kreativität ist die Fähigkeit, neue unerwartete Beziehungen zu knüpfen zwischen Wissens-Silos, zwischen denen auf den ersten Blick gar keine Verbindungen existieren. Geschweige denn nützliche, monetarisier- und ökonomisierbare (nur darum geht es – noch). Und genau dadurch verändern sie alles. Alles. Medien erleben das längst, die Industrie ist kurz davor. 4.0 hin oder her.

Kritiker mögen einwenden, dass es durchaus Sinn ergibt, wenn Kinder die „Denke“ von Maschinen lernen, ihre Art zu kommunizieren, komplexe Entscheidungen zu treffen, und dass auch daraus sich Kreativität entwickeln kann. Natürlich. Das ist allemal sinnvoller für das 21. Jahrhundert als immer noch Lateinvokabeln zu pauken (selbst darüber lässt sich trefflich streiten, denn Latein lehrt logisches Denken durchaus ähnlich wirksam wie eine Programmiersprache und ist ganz nebenbei auch noch die Wiege europäischer Geschichte und Sprachkultur).

Wer sich aber intensiv damit beschäftigt, wie Ingenieure bereits heute in der Industrie Software zum Beispiel für die Fahrzeugkonstruktion oder für die Steuerung neuer Produktionsanlagen entwickeln, der begreift schlagartig: Das hat schon jetzt viel mehr mit Kreativität zu tun als mit Programmieren. Denn Ingenieure programmieren gar nicht mehr so schrecklich viel selbst. Schon heute nicht (und jetzt wiederhole ich mich ganz bewusst schon wieder, wieder, wieder). Ingenieure „spielen“ mit Softwaremodulen. Mit fertigen Funktionsclustern, die Programmiersklaven in Bangalore…na gut. Sie spielen wie mit Legosteinen. Schieben sie hin und her, bauen damit Neues. Na?

Ich hasse Lego für die vorgefertigten Baukästen, die nur zwei oder drei Varianten ermöglichen (immerhin). Mag sein, dass sich das besser verkauft als ein Haufen buntes Chaos – besser für die Schulung von Kreativität ist es nicht. Kinder lernen, nach Anleitung vorzugehen, nicht, sich Neues auszudenken. Was ich RICHTIG toll finde, bis heute, sind genau diese bunten unsortierten Haufen, aus denen sich ALLES machen lässt, fast unbegrenzt. (did you read Microserfs, btw? Hat auch mit Programmieren zu tun. Und mit Lego.) Dafür muss ich nicht mal Pädagoge sein.

A mind is like a parachute: It doesn’t work, if it’s not open: Dogmatismus in Richtung Digitalisierung ist genauso borniert wie konservativer Fundamentalismus. Was würden Sie tun, um Ihren Kindern beizubringen, was das bedeutet?

Nachtrag vom 11.2.2017:

https://www.wired.com/2017/02/programming-is-the-new-blue-collar-job