Dear Winter: make you fucking away now!

Auf dem Weg zum Campo Britannico kann es sogar im Somme frostig werden (Torres del Paine, Argentinien)
Es mag ja sein, dass der Frühling nicht mehr weit ist. Und dass man dankbar sein muss für jede Schneeflocke, die nicht aus der Kanone kommt. Wer weiß schon, wie lange es die noch gibt, die Echten vom Petrus. Und die Eisbären, die armen Eisbären! Aber trotzdem: Dear Winter, make you fucking away from Acker now!
Fünf Minuten nur der Wind
Seltsam, dass der Blick vom Gipfel etwas vollkommen anderes ist, wenn keine Bahn dorthin führt. Als ob eine Horde Turnschuhtouristen etwas anderes wäre als ein Dutzend Alpinisten, die sich ums Gipfelkreuz drängeln, jeder für sich in die Ferne blickend, so als seien die Anderen nicht da. Die Seilbahnfahrer sind sich alle gleich darin, dass sie nichts geleistet haben, die Besteiger neiden sich die Tatsache, dass auch alle anderen zeitgleich genau so gut waren und zum absolut gleichen Höhepunkt gefunden haben. An diesem Tag waren wir allein. Es war wohl zu kalt, zu windig und auch ein bisschen zu spät. Still war es aber nicht. Der Wind piff sein eisiges Liedchen, und Eiskristalle prasselten über den Schnee wie Sand in der Sahara. Wenn man einfach hätte liegen bleiben können. Nach wenigen Minuten wurde es uns zu kalt. Vielleicht ist das überhaupt das Schönste am Berg: Dass man oben genau weiß, dass es höher nicht mehr geht, und dass man ebenso gewiss sein kann, dass dann der Abstieg folgt – und wie lange er dauert.
Halbeisheiten: Schneeweißchen und Rosenbrot

In Zeiten des Klimawandels ist ein harter Winter nicht einfach Wetter, sondern ein irritierendes Ereignis von eigener Qualität
Im Inuktitut, der Sprache der Inuit, gäbe es mindestens ein Dutzend Wörter für Schnee, in Grönland gar über hundert, doziert er in die gleißende Wintersonne. Hat wohl gerade “Fräulein Smillas Gespür für Schnee” gelesen oder eine Ausgabe der New York Times von 1988. Frischer Pulverschnee habe ebenso ein eigenes Wort wie weicher Schnee unter einer Harschdecke, Wörter für festgetretenen Schnee gäbe es, für sulzigen Schnee oder für nassen, für Eisgraupeln und für jungen Schnee. Die eisige Umwelt habe ihre Sprache geprägt, sagt er, und daher habe niemand sonst auf der Welt so lebendige Ausdrücke für Schnee wie die Eskimos.
Ich kneife die Augen ein wenig zu, blinzle in die Sonne und denke daran, dass niemand sonst auf der Welt so abstruse Wortkreationen für immer gleiches Backwerk erfindet wie die Bäcker in München, und ob das wohl auch an der Umwelt liegt. Und warum sie immer persönlich beleidigt sind, wenn man sich weigert, ein “Kraftikus” zu verlangen oder eine “Pfisterer Sonne” und störrisch auf “das Brot da oben links” zeigt. Und ob das bei den Inuit nicht so ähnlich ist. Ich sage aber nichts. Denn auch bei den Inuit gibt es nicht so viele Wörter für Schnee wie angenommen, das ist mittlerweile erwiesen. Die Diskussion wäre mir aber viel zu kleinkariert und zu unromantisch. Wann hatten wir schließlich das letzte Mal solchen Schnee?
Was eigentlich ist urbane Lebensqualität?
(Verwechseln Sie niemals Bilder mit Antworten. Bilder allein führen beinahe immer in die Irre.)
“Die Erde ist gewaltig schön, doch sicher ist sie nicht”
Die Headline stammt übrigens aus einem Gedicht, das Franz-Peter Schubert vertont hat.
Das Erzkonservatief: Einfach so tun, als sei alles beim Alten geblieben und könne auch einfach so weiter gehen
Unter den Mechanismen des Verdrängens ist die romantische Verklärung eine der wirksamsten. Sie lässt den Willen gefrieren, die Dinge voranzutreiben und ersetzt sie gegen den Geist des Um-jeden-Preis-Bewahrens. Das scheint ein zutiefst menschlicher Wesenszug zu sein, in dem sich die Angst vor der Zukunft spiegelt. Die romantische Verklärung zeichnet ein Zerrbild von einer Welt, in der der Moment zum Gesamtanspruch erhoben werden kann. Winterstarre ist, so wunderbar und verlockend sie für den Moment erscheinen mag, kein Modell auf Dauer. “Wo doch wieder so schön Schnee liegt, wollen wir den Klimawandel eigentlich nicht wahrhaben. Zumindest nicht hier bei uns”. Konservativ wird, wer etwas zu verlieren hat, mitunter um jeden Preis, und sei es die Zukunft. Ergänzung: “The radical of one century is the conservative of the next.”
Ihre Webseite enthält zu wenig Text!
Eine Webseite, die optimal von Suchmaschinen berücksichtigt werden soll, hat idealerweise ein bestimmtes Verhältnis von HTML-Code zu Text. Suchmaschinen messen das, und wenn sie zu viel Code finden und zu wenig Content, werden sie argwöhnisch. Eine Code-Content-Ratio von unter 15% Text wird negativ bewertet. Aber wisst Ihr was, liebe Suchmaschinen? Es ist mir sowas von vollkommen egal. Der schönste Code stammt nicht von Maschinen, immer noch, und mit Posie hat er allenfalls dann zu tun, wenn WordPress-Fans das behaupten.
Wie schön der Winter sein kann wird einem erst dann klar, wenn man ihn schon lange nicht mehr in dieser Pracht wahrgenommen hat wie dieses Jahr, in dem Wetterkommentatoren sich nicht entblöden, ihrer Vorhersage die Bemerkung hinzuzufügen, der Januar sei “für die Jahreszeit zu kalt”. Der Januar ist der im Schnitt kälteste Monat des Jahres, warum also sollte er “zu kalt” sein? Die Aufnahme enstand auf dem Weg zur Auer Alm, einer Berghütte, die oberhalb des Tegernsee bei Bad Wiessee liegt.
Wo bitte bleibt die Relevanzzz!
Am schönsten ist der Starnberger See, wenn man ihm nicht allzu nahe kommt, fern von den”Privatgrund”- und “betreten verboten”-Beschilderungen, die an Zäunen, Mauern und Hecken den direkten Zugang zum See beinahe überall an seinen Ufern versperren. Schön ist er von den sanften Hügeln rund um sein Ost- und Westufer, aufgehäuft von den Gletschermoränen der letzten Eiszeit. Von dort genießt man einen Blick über das Voralpenland und die gesamte Ausdehnung des Gewässers und bei schönem Wetter auch auf die Bergkette des Ostalpenkamms, der nach Westen im trotzigen Klotz des Zugspitzmassivs abbricht. Schön ist der Starnberger See aber auch direkt vom Wasser aus, wenn nicht aus einem eleganten Boot, auf dem zum Mitsegeln einen der ein oder andere Bekannte geladen haben mag, wenn nicht auf einem Boot, weil zum Beispiel gerade Winter ist, dann doch wenigstens ein paar Schritte vom Ufer entfernt auf den zugefrorenen Rändern des Sees.
Dies alles, wird der geneigte Leser einwenden, mag nun wirklich interessieren wen will, uns jedenfalls nicht, ob er denn nichts von größerer Relevanz zu erzählen habe? Nun, was wirklich von Bedeutung ist, liegt wie immer im Auge des Betrachters. Ein See, der 21 Jahre braucht, um einmal sein Wasser auszutauschen, kann einen auf ganz andere Gedanke bringen als die Atemlosigkeiten des Tagesgeschäfts. Aber um dahin zu kommen, braucht man eben ein wenig Geduld.







