Links: Des Fokussierten Alptraum
-
“Nichtstun ist eine gute Option nicht wegen der Erholung, die ist mir suspekt, sondern wegen der Offenheit, die das Nichtstun mit sich bringt: Wer nichts tut, dem kann viel passieren. (Nicht daß ich erwarten würde, daß auf Sylt irgend etwas passieren würde, selbstverständlich passiert Mitte März auf Sylt genau gar nichts, und in drei Tagen in einem langweiligen Hotel erst recht nicht, aber Nichtstun muß man üben — und überhaupt neu lernen nach einer langen Phase des Fokussiertseins.)”
Wovon du keinen blassen Schimmer hast, liebes Internet
Der böige Wind, der Eiswolken über die offenen Flanken des Geländes peitscht. Eiskristalle, die wie winzige Geschosse auf Kleidung und Gesicht treffen. Die Sonne, die trotz der Kälte das ungeschützte Gesicht verbrennt und austrocknet. Der abgeblasene Hang, an dem zwischen schroffen Brocken nur noch Eis liegt, das im Gegenlicht kalt in der Sonne glänzt. Die trügerische Harschdecke, die an einer Stelle trägt und uns einen unbedachten Schritt weiter knietief einsinken lässt. Die Fingerkuppen, die in der schneidenden Kälte schon nach fünf Minuten Fotografieren ohne Handschuhe gefühllos werden und dann höllisch zu schmerzen beginnen. Die Funktionskleidung, die fürs Gehen am Berg perfekt ist, in der man nach wenigen Minuten Stillstand aber bereits friert. Hier oben ist das Reich der Eiskönigin, und auch bei glänzender Laune bleibt sie eine grausame Herrscherin.Von alledem, liebes Internet, von alledem, was Abenteuer zu Abenteuern und Erlebnisse erst unvergesslich macht, hast du leider nicht den blassesten Schimmer!
Kaminfeuer
Eigentlich reicht es vollkommen aus, den Zweifeln der beschleunigenden Kultur ein sicheres Gefühl dafür entgegen setzen zu können, was einem gut tut.
Wo warst Du all die Jahre? (in der Agentur)
“Entweder du opferst uns dein ganzes Leben, oder wir lassen dich nicht an coolen Projekten arbeiten”, war seinerzeit eines der zahlreichen treffenden Zitate aus Douglas Couplands “Generation X“: Agenturmitarbeiter versinken mitunter ihr gesamtes Arbeitsleben in einem reißenden Strom aus Projektstress, der so gut wie keinen Raum mehr für anderes lässt, auch nicht für das, was man gemeinhin Leben nennt. Wenn dann irgendwann mal etwas Einschneidendes passiert, kommt das große Erwachen. Ein Film über Leute nach der Karriere in der Werbung: Lemonademovie.com
Links: Leuten beim PC-Bedienen zuzugucken ist ähnlich wie als Beifahrer im Auto
-
Manche Dinge sind so wahr, dass sie schon beim Lesen weh tun. Was Nadja Schlüter da auf jetzt.de über Beifahrer und Comupterklicks geschrieben hat, ist so ein Phantomschmerz. Vor allem aber brillant beobachtet. (via PJebsen)
Schöne Stimme kalt (balance disorder)
Am Telefon spricht sie von Dingen, die getan werden müssen. Sachlich, korrekt, dienstlich. Sie will sie weg haben, vergessen können, abhaken, schnell, schmerzlos. Kein Feuer, keine Emotion. Das Wort dienstlich ist greifbar bei ihr, dauergelangweilte Klanggestalt mit halb geschlossenen Lidern. Spürbare Enttäuschung darüber, was die Dinge zu sein versprachen, und was sie nun nicht sind. Die Müdigkeit jener, die schon alles gesehen haben. Dafür ist sie viel zu jung. Besser: Gelangweilte Arroganz der Jugend, die sich für so außergewöhnlich hält, dass sie Gewöhnliches als Zumutung empfindet. Pflicht. Sie wird gezwungen zu tun was sie tut, daran lässt sie keinen Zweifel.
Gleichgewichtsstörungen beim vorerst gescheiterten Versuch, lieber ungewöhnlich zu leben. Ein weiteres Opfer jenes semantischen Irrtums namens Work-Life-Balance. Als bildeten Arbeit und Leben zwei entgegengesetzte Pole, die es in Einklang zu bringen gelte. Als ob niemals lebt, wer arbeitet, als ob Arbeit ausschließlich notwendiges Übel und Leben ausschließlich arbeitsfreies Glück bedeutet. Sie legt auf. Es ist gesagt, was gesagt werden muss.
Ich frage mich, wie sie wohl aussieht. Tolle Stimme, wirklich.
Eigentlichkeitssabbatical
72 Prozent der Deutschen glauben, dass man in fünf bis zehn Jahren nicht mehr gut in der Bundesrepublik leben kann, sagt eine Umfrage der “Welt” / an Länder denken, in denen ein paar Euro monatelang zum Leben reichen / in denen keine Heizung nötig ist, kein Wintermantel und keine Anzüge im Schrank / in denen sich die Ansprüche von selbst reduzieren / der Luxus der Zukunft verabschiedet sich vom Überflüssigen und strebt nach dem Nötigen: Ruhe / an die Menschen denken, die einen Monat auf den Beinen sind für umgerechnet zehn Euro, und die trotzdem lachen / sich fragen, warum man diese Menschen eigentlich beneidet / darüber nachdenken, ob das Schielen nach alternativen Lebensentwürfen nichts weiter bedeutet als einfach zu wenig zu wissen von den Leiden des jeweils anderen Lebens / nachrechnen, wie lange man sparen müsste, um ein paar Jahre in einem fernen Land zu leben / überlegen, welches Land es sein würde / den großen Atlas hervorholen und sich in feinen Linien verlieren / sich ausmalen wie es wäre, Zeit zu haben zum nachdenken, zum schreiben, am Strand zu laufen, zu fotografieren / sich fragen, warum Strand eigentlich so wichtig ist / sich fragen, ob die sich mit der Ruhe einstellenden Ideen und Pläne einen nicht unweigerlich nach kurzer Zeit zurücktreiben würden in Rastlosigkeit und neue Geschäftigkeit.
Sich eine kleine Existenz ausmalen, einen Kiosk, einen Tauchpunkt mit Boot, ein Restaurant mit großer Terrasse / fette Boxershortärsche und rotgegrillte Prolls mit Drecksmanieren drücken in den Gedankenpark / die Idee mit dem Restaurant gleich wieder verwerfen / sich vorstellen, wie sich durch einen solchen Lebensabschnitt die Sicht auf die Dinge verändern würde / sich überlegen, wie lange man in der Lage wäre, das Schöne wahrzunehmen, wenn das Außerordentliche Alltag wird / überlegen, welche Unerträglichkeiten die euphorische Seele ausblendet / sich eingestehen, dass ein solcher Traum keine Perspektive auf Dauer wäre / sich eingestehen, eigentlich zu weit zu sein – und ja, auch schon zu alt / da draußen ist die ganze Welt / so groß, so unüberschaubar / es gäbe dort so viel zu erleben / zu viel / da bleiben sie lieber zuhause / Schiffbrüchige im Meer der Möglichkeiten / Selbstverwirklichung war / im Selbst, das hat sich herausgestellt, ist eben auch nichts los / darüber nachdenken, dass Glück nichts zu tun hat mit dem richtigen Strand / mehr mit dem richtigen Tun / die Frage ist ja nicht, wie man überlebt / sondern wie man es in Würde und in ganzen Stücken tut.
Darüber nachdenken, ob man am Ende einer solchen Erfahrung einer beschleunigenden westlichen Leistungskultur noch gewachsen wäre / was eigentlich so erstrebenswert, nein, erhaltenswert ist an einer westlichen Leistungskultur / Extrempositionen sind allesamt interessant, aber sie treffen nie die Wirklichkeit / sich wenigstens ein bisschen mehr Sonne wünschen und weniger Winter / nur etwas mehr als ein Viertel der Deutschen glauben heute daran, dass es sich in fünf bis zehn Jahren noch gut in der Bundesrepublik leben lässt / eigentlich müsste man sich darüber klar werden, was “gut leben” tatsächlich bedeutet / darüber nachdenken, welche Rolle die Einschränkung “eigentlich” in Sätzen spielt / sich eingestehen, dass man es dann im Grunde genommen anders meint oder das Gesagte eben nicht tut / laufen gehen, um das Denken mit Sauerstoff und Endorphinen zu bestechen / “eigentlich” ist ein vollkommen überflüssiges Wort.
Luftfisch
sommerhormongesättigte rundherum
penner inszenieren sich unter der brücke
kackende hunde am wegrand
beischlafsimulationsposen
lustvoll verschlungen auf der wiese
sonntagnachmittaggeblubber
dahinwandelnd belanglos
augenbrennen vom ultraviolett
dreirad kippt, brähää
kleine rosa wolke brüllt
ein luftfisch, ein dicker
schwimmt gemächlich vorbei
zuckerwattewolken naschend
eiskugelschleckvergnügen
ich muss noch ins büro
