Nimmerkonnten
Die Schönheit der Zahlenkombinationen. Wenn das ein Computer gemacht hat, dann war er Ästhet, dann musste man ihn bewundern. Natürlich hat das ein Computer gemacht. Er fühlte sich seltsam bei der Erkenntnis, die Ästhetik der Zahlenkombinationen körperlich spüren zu können, wo Zahlen ihm sonst wenig bedeuteten. Kunst ist weitgehend Zufall, dachte er, und sie lässt sowohl den Künstler wie auch den Betrachter im Glauben, da sei etwas mit Plan und Absicht entstanden. Im Rückblick ist alles linear. Kein besserer Weg, das Leben zu beschreiben. Man muss, wenn man am Ende angelangt ist, nochmal ganz nach vorne blicken, um zu verstehen.
Noch 377 Elemente
Oberstudienrat Greuther wollte gerade sein Moleskine zuklappen, als ihm plötzlich alles so lächerlich erschien, so wirr und ganz ohne Sinn, dieses ganze Getue, so affektiert, gekünstelt und aufgesetzt. Kichernd riss er die Seite aus, zerknüllte sie und warf sie über die Schulter in Richtung Papierkorb. Wie immer traf er nicht. Es klappte nie. Er warf das Büchlein hinterher, und es kümmerte ihn nicht, wo es niederfiel. Der Versuch, den Dingen eine Richtung und einen Sinn geben zu wollen, ist in gleichem Maß ehrenhaft und jämmerlich.
Noch 127 Elemente
Die Stille holte ihn ein und überrollte ihn wie ein Güterzug aus dem Nichts, er war unfähig auszuweichen. Er hatte kaum je etwas anderers getan als auszuweichen, und nun holte ihn die Stille ein und konfrontierte ihn mit sich selbst und das mit solcher Wucht, dass es ihm den Atem nahm. “Milch”, dröhnte ihm der Kopf, “wir haben keine Milch mehr”. Du machst ja gar nicht. Du tust nur (ist das etwa ein Unterschied?).
Noch 75 Elemente
Als sie die Straße betrat, trieb der Wind nasskalte Schneeflocken ins Licht der Laternen, und es fühlte sich nach Erkältung und Schmerzen an. Sie fröstelte und lief los. Ihre Absätze klangen in der Dunkelheit, als sei sie der einzige verbliebene Mensch auf Erden. Schaut man hinter Motivationen, auf das, was Menschen aus welchem Grund auch immer bewegt, und lässt man dann alles weg, was irgendwie jämmerlich ist und armselig, was bleibt dann noch übrig? Befehlen folgen, seien sie nun innerer oder äußerer Natur, Zwängen, Ängsten, Vorurteilen. Determinismus oder wirkliche Freiheit? Langweilt mich nicht mit Euren Theorien. Wie viel wahre Größe bleibt, wenn man alles abzieht? Nicht 15 Minuten Ruhm sollt ihr haben, nein, 15 Minuten Größe, und diese 15 Minuten kosten ein ganzes Leben.
Noch 33 Elemente
Es geht um 600.000 Dollar. Doch nur um Geld? Mit Geld kann man keine Liebe kaufen, Geld ist nur Asche. Narr! Natürlich kann man mit Geld auch Liebe kaufen, denn Geld ist Zeit, und Zeit bedeutet auch Zeit für Aufmerksamkeit, und Aufmerksamkeit ist heute so kostbar wie Liebe. Vielleicht ist Liebe nichts anderes als überdurchschnittliche Aufmerksamkeit. Deine Milchmädchenrechnungen sind legendär (wieso eigentlich 600.000?).
Noch zwölf Elemente
Zahlen bis zwölf werden ausgeschrieben. Bis zum bitteren Ende. Ist das zu viel oder zu wenig? Licht ist aus, und die Zeit angehalten.
Noch fünf Elemente
Luftfisch
sommerhormongesättigte rundherum
penner inszenieren sich unter der brücke
kackende hunde am wegrand
beischlafsimulationsposen
lustvoll verschlungen auf der wiese
sonntagnachmittaggeblubber
dahinwandelnd belanglos
augenbrennen vom ultraviolett
dreirad kippt, brähää
kleine rosa wolke brüllt
ein luftfisch, ein dicker
schwimmt gemächlich vorbei
zuckerwattewolken naschend
eiskugelschleckvergnügen
ich muss noch ins büro
Stehtische beim Schlachter
Nur Stehtische. Der Imbiss, der vor nicht langer Zeit eine Metzgerei gewesen sein muss, verströmt den Charme einer Bahnhofstoilette. Die alte Einrichtung nahezu unverändert. Kacheln und eine lange Theke mit verkratztem Plexiglas und zahlreichen Edelstahlbehältern. Wo früher Fleisch und Wurst lagen, jetzt immer gleiche Salate, die vom Weg alles Irdischen bereits gegen eins zu viel hinter sich haben. Arbeiter aus der näheren Umgebung, Handwerker in staubigen Sicherheitsschuhen und mörtelbespritzten Blaumännern. Es wird viel renoviert in der Gegend. Das Essen ist einfach und billig, Leberkäs mit Brötchen oder Gulasch mit Nudeln, Kartoffeln, Reis. Seit zehn Jahren zum ersten Mal wieder Krautwickel gegessen. Portionen, von denen auch ein Fliesenleger satt wird.
Jeden Tag am immer gleichen Stehtisch der immer gleiche Mann mit immer gleichem Aussehen. Vertrocknete Figur, schütteres ergrautes Haar, faseriger Oberlippenbart, fahlgraue Gesichtsfarbe und dicke Augengläser. Anfang Mitte Sechzig. Immer halb zwölf bis etwa eins steht er da und umklammert eine Bierflasche. Ob er was arbeitet? Hausordnungs-Überwachungsvereins-Vorsitzender. Alles-am-Fenster-Mitkrieger. Pornovideo-Alleindaheimgucker. Reserviertes leichtes Kopfnicken an den ersten Tagen, später erwartet er mit gespannter Haltung jenes bisschen freundliche Zuwendung, die ihm wohl zu oft versagt blieb im Leben. Er grüßt erfreut zurück, als wäre man ein guter Freund. Ich weiß nichts über ihn. Kartoffelpuffer mit Apfelmus heute. Er würde es wohl kaum gut aufnehmen, wenn ihm einer sagte, dass er auf nichts anderes wartet als auf den Tod.
Zurückbleiben bitte!
Er war*, wie die meisten seiner Mitmenschen, unfähig zu erkennen, welche Art von Leben ihn glücklicher machen könnte als jenes, das er führte. Die entsetzliche Angst vor einem anderen Leben ließ ihn sich festklammern an diesem, obwohl er fühlte, wie sehr es ihn unglücklich machte. Stillschweigend nahm er an, alle um ihn herum seien um ein Vielfaches erfolgreicher und glücklicher als er selbst, unterschied sich aber gerade durch diese Annhame in nichts von ihnen. Wie alle anderen hätte er alles getan, um seine wahren Gefühle zu verbergen.
Sein knappes, durch das Hochziehen der Augenbrauen wie eine Gegenfrage formuliertes „gut“ auf die Frage, wie es ihm gehe, würde erzählen von seinem Wunsch, jemandem sein Herz auszuschütten. Jeder würde wissen, dass die Antwort lautete „im Grunde genommen beschissen, aber das geht dich einen Dreck an!“ Dabei ging es ihm nicht wirklich schlecht. Seine Anpassungsfähigkeit war Segen und Fluch zugleich: Sie ermöglichte ihm das Ausharren in untragbaren Zuständen und macht es ihm durch reine Gewohnheit nach kurzer Zeit unmöglich, sich aus seinem gegenwärtigen Unglück fortzubewegen und hinderte ihn daran, ein zukünftiges vages Glück suchen zu gehen. Hätte ihn nicht die Angst davon abgehalten überall dort zu sein, wo es gut sein könnte, es wäre ihm womöglich aufgefallen, wie wenige tatsächlich privilegiert sind, dass er womöglich selbst einer dieser Privilegierten war.
* Mein Gegenüber in der U-Bahn starrt glasig an mir vorbei ins Leere und erzählt mir seine Geschichte, ohne den Mund geöffnet zu haben. Ein ganzer Zug unter der Erde voller Starrender. Sie wissen es.
Black is beautiful
Sie betrat den Raum, wir hatten sie zwei Monate nicht gesehen, sie hatte ihren Neuen dabei, stellte ihn jedoch niemandem richtig vor, ließ ihn verschämt hinter sich stehen, als habe sie ihn an der Garderobe abzugeben vergessen wie einen Mantel, als sei er ein Fremdkörper, wozu er in jenem Moment auch buchstäblich wurde, sie ließ ihm keine Chance, und alle wussten, sie fickt ihn nur, nicht er sie, eigentlich ist er untragbar für sie, für ihren Anspruch, und alle taten so als bemerkten sie es nicht und schwiegen. Es blieb das einzige Mal.
Zwei Monate später kam sie wieder allein, leicht flackernd der Blick, fragt mich nicht, und alle wussten und fragten nicht, und sie schaute auf ihr Weinglas, redete über das Wetter und trank. Wäre er nicht schwarz gewesen.
Die Uhr, die keine sein will
An der Wand zur angrenzenden Wohnung hängt eine alte Uhr, deren Schlagen von nebenan deutlich zu hören ist. Die Uhr muss alt sein, neuere klingen nie so schwer und mahnend. Sie wird immer wieder aufgezogen, ihr Klang durchdringt schon seit einigen Jahren die Mauern.
Die Uhr schlägt nie zur vollen Stunde. Nicht einmal so, dass sich durch sie auch nur annähernd auf irgendwelche Uhrzeiten schließen ließe. Die Uhr ist keine, und das mit Hingabe: Zwei Schläge um zwölf nach vier, fünf um zwanzig vor sechs. Heute nacht dreizehn Schläge. Pause für einige Sekunden, so dass der letzte Tong Zeit hatte auszuklingen. Dann noch ein weiteres Mal, als gäbe es noch etwas hinzuzufügen. Vielleicht gibt es die Uhr ja gar nicht, und niemand hört sie außer mir. Was aber will sie mir dann sagen?
Fabel-Haft
Komm, erzählen wir uns gegenseitig Geschichten, sagte der Tiger zur Straßenratte. Dass ich nicht lache, sagte die Ratte, das wär’ mir ja ein ungleicher Tausch. Zookätzchen, was hättest du mir zu erzählen? Willst du vom Wärter berichten, der täglich Tigerkacke schaufelt? In einer einzigen Nacht erleb ich mehr im Kanal als du während eines Monats hinter Stäben, Raubtier, du!
Ja, sagte der Tiger leise, ein Tiger der nicht tötet, das ist wie Zeitgeist ohne Lärm, Jugend ohne Zorn, man ist nur ein armer Clown. Doch deine Freiheit kann nicht meine sein, als Tiger im Abwasser, was wär’ denn das. Wahr, wie wahr, grinste die Ratte, bleib nur wo du bist und überlass den Ratten den Untergrund. Eine Story wär’s aber trotzdem, die Katze im Kanal. Könnte man über die stillstehenden Momente doch spannender erzählen als über die atemlosen, wenigstens hin und wieder, wollte der Tiger noch anmerken, aber die Ratte war bereits verschwunden.
Ihr Gesicht
Für einen kurzen Moment nur, für den Bruchteil einer Sekunde, zeigte sie ihr Gesicht, und er erschrak. Er hatte es nicht sehen wollen und war zugleich unfähig, nicht hinzusehen. Unter keinen Umständen hatte er ihr Gesicht sehen wollen, er hatte weiter das Abbild behalten wollen, das nur in seinem Kopf existierte. Er hatte sich weiter vorstellen wollen, was sie hätte sein können. Nun, da ihm die Wirklichkeit jenes Urbild verweigerte, das noch jede Möglichkeit enthielt, da sie ihm lediglich eine Kopie zeigte, eine einzige von unendlich vielen möglichen, nahm sie ihm im Bruchteil einer Sekunde jede Hoffnung. Ich bin gleich wieder da, sagte er, drehte sich und ging, erst langsam, dann immer schneller. Er würde nicht wiederkommen.
Komm mir bloß nicht mit quo vadis
“Erklär mir, wie alles zusammenhängt.” “Oberflächlich betrachtet gibt es nichts Wichtigeres, als immer die kürzeste Verbindung zu gehen. Alle wollen das von dir: Geh direkt, trödel nicht, sei effizient. Mancher bewegt sich sein Leben lang so. Es kommt auch nicht unbedingt darauf an, dass du tust, was andere von dir verlangen. Denn es gibt noch einen anderen Weg. Der ändert ständig seine Richtung und scheint lange nirgendwo hin zu führen. Er ist viel weiter, unklarer, unsicherer und mühsamer als der direkte Weg. Aber er öffnet neue Perspektiven. Er führt unter die Oberfläche. Er öffnet die Augen.” “Dann ist dieser Weg also der bessere?” “Das weiß ich nicht. Auf diesem Weg kann nicht jeder glücklich werden. Er ist oft kaum zu ertragen.” “Wie heißt denn der Weg?” “Freiheit.”