Posts Tagged ‘Arbeit’

Schöne Stimme kalt (balance disorder)

Am Telefon spricht sie von Dingen, die getan werden müssen. Sachlich, korrekt, dienstlich. Sie will sie weg haben, vergessen können, abhaken, schnell, schmerzlos. Kein Feuer, keine Emotion. Das Wort dienstlich ist greifbar bei ihr, dauergelangweilte Klanggestalt mit halb geschlossenen Lidern. Spürbare Enttäuschung darüber, was die Dinge zu sein versprachen, und was sie nun nicht sind. Die Müdigkeit jener, die schon alles gesehen haben. Dafür ist sie viel zu jung. Besser: Gelangweilte Arroganz der Jugend, die sich für so außergewöhnlich hält, dass sie Gewöhnliches als Zumutung empfindet. Pflicht. Sie wird gezwungen zu tun was sie tut, daran lässt sie keinen Zweifel.

Gleichgewichtsstörungen beim vorerst gescheiterten Versuch, lieber ungewöhnlich zu leben. Ein weiteres Opfer jenes semantischen Irrtums namens Work-Life-Balance. Als bildeten Arbeit und Leben zwei entgegengesetzte Pole, die es in Einklang zu bringen gelte. Als ob niemals lebt, wer arbeitet, als ob Arbeit ausschließlich notwendiges Übel und Leben ausschließlich arbeitsfreies Glück bedeutet. Sie legt auf. Es ist gesagt, was gesagt werden muss.

Ich frage mich, wie sie wohl aussieht. Tolle Stimme, wirklich.


Berufsorchestergraben

“Mir gefällt die Tonalität überhaupt nicht!”

“Meinen Sie Tonqualität?”

“Nein verdammt, ich meine Ihren ewigen Contra-Bass!”

“Das ist eine Querflöte”


Dämmerung des falschen Bewusstseins

Und doch sah man niemanden mehr, der hinter dem allen stand. Alles drehte sich fortgesetzt um sich selbst. Die Interessen wechselten Stunde um Stunde. Es war nirgends ein Ziel mehr. (…) Die Leiter verloren den Kopf. Sie waren bis zur Neige ausgepumpt und verkalkt. (…) Jeder Mensch im Lande begann zu merken, es klappt nicht mehr.
(Franz Jung, Die Eroberung der Maschinen, 1921)


Das ewig Vorläufige

“Beta” ist ein Modebegriff des Web 2.0, und er ist auf dem besten Weg zum programmatischen Schlagwort. Beta ist der Takt, nach dem wir ticken. Alles muss Schlag auf Schlag gehen, Probleme müssen möglichst rasch vom Tisch. Ob sie dann auch wirklich gelöst sind, interessiert erst mal niemanden. Man nimmt Unfertiges in Kauf, um nicht Zweiter zu sein. Aus dem Bewusstsein, dass sowieso alles auf ewig vorläufig ist, “perpetual beta”, wird eine schulterzuckende Akzeptanz des Unfertigen, eine Art Überlebensstrategie für das 21. Jahrhundert. Wenigstens als pragmatischer Ansatz für den Hinterkopf. Nach außen würde keiner je offen eine solche Haltung zugeben – er würde sich sofort dem Vorwurf der Mittelmäßigkeit und Antriebslosigkeit aussetzen.

In der Wirtschaft ist das Problem längst analysiert: Am rentabelsten sind interessanterweise nicht die Unternehmen mit dem größten Perfektions-Anspruch, sondern diejenigen mit der größten Differenz zwischen Verkaufspreis und Herstellungsaufwand. Man muss also entweder sehr teuer sein, um eine gewisse Perfektion zu finanzieren – was nicht jedem gelingen kann – oder Kompromisse bei der Herstellung und Materialqualität in Kauf nehmen. Am besten beides.

Produktzyklen sind so kurz geworden, dass es heute viel wichtiger ist, ein Nachfolgeprodukt auf den Markt zu werfen als die aktuellen Probleme zu lösen. Der unüberbrückbare Unterschied zwischen dem theoretischen Anspruch und seiner offensichtlichen Unerfüllbakeit reißt ein tiefes Loch in das Selbstverständnis: In der Schule, an der Uni, zuhause wird kaum ein anderes Ziel ausgerufen als das unerreichbarer Idealzustände. Man muss das Unmögliche fordern um das Mögliche zu erreichen. Wer nicht in der Lage ist, den offensichtlichen Riss zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu reflektieren, gewinnt das Gefühl, von jedermann und permanent belogen zu werden: Alles Mögliche wird permanent gefordert und versprochen – gehalten wird aber kaum etwas. Wie damit umgehen?

“Immer sein Bestes geben”, lautet die lakonische Antwort – die deswegen so unbefriedigend ist, weil es so schwer bzw. unmöglich ist, eine Definition dafür zu finden, was das Beste überhaupt ist. Das Beste, was an diesem Tag, in dieser Stunde, möglich war? Das Beste im Vergleich mit anderen kann es jedenfalls nicht sein. Bekanntlich gibt es keine effektivere Möglichkeit, sich unglücklich zu machen als sich zu vergleichen.


Improvisation ist das wirkliche Leben

Improvisatoren, die Menschen des neuen Zeitalters, wissen, dass sie auf Überraschungen offen reagieren müssen, um sie zu nutzen.

Improvisation heißt ja vor allen Dingen auch vereinfachen, um etwas praktisch anwenden zu können.

Hinter allen großen und kleinen Plänen steckt der zutiefst menschliche Versuch, sich nicht weiter anstrengen zu müssen.

Was eigentlich beim Zeitplan wesentlich ist: Man muss das, was man tut, seiner Persönlichkeit anpassen.


Seltsame Mischung aus Detaildenken und Ignoranz

Die Notwendigkeit, sich auf das Wesentliche konzentrieren zum müssen und nicht für alles Zeit zu haben, führt zu einer seltsamen Mischung aus Detaildenken und Ignoranz: Die Beteiligten könnten über eine Sache exakt und differenziert nachdenken, würden sie ihr nur ausreichend Bedeutung beimessen. Das ist aber meist nicht der Fall – oder erst dann, wenn es eigentlich zu spät ist.