Willkommen! Das hier hat keinen Sendungs-, Vermarktungs- oder Verkaufsauftrag. Es ist meine Spielwiese, ein Stück von mir, mein “hortus conclusus“, den ich der Datenwildnis und der Atemlosigkeit im Netz entgegen setze (dieses wunderbare Bild stammt aus einem Gespräch mit Alexander Kluge). Ich grabe ihn regelmäßig um, pflanze Neues und reiße Altes heraus. Was hier wächst, ist miteinander vernetzt, verwurzelt und verbunden, auch wenn es nicht gleich sichtbar ist. Was nach oben dringt, ist rein subjektiv – sowohl in der Zufälligkeit meiner Auswahl als in Ihrer Wahrnehmung. Das hat viel mit Identität zu tun – und Identität gehört zu den wichtigsten Begriffen des modernen Web. Es hat auch mit Filtern zu tun, als Stichwort nicht weniger wichtig: Filtern wird – neben investigativer Arbeit – in Zukunft wohl DIE zentrale Aufgabe des Journalismus sein – und nicht nur da, sondern überall, wo es darum geht, aus Informationen Wissen und aus Wissen vielleicht Urteilsvermögen zu machen. Filtern ist die ureigene Fähigkeit, Komplexität so zu reduzieren, dass sie erträglich wird. Im Echtzeit-Web spielt die private Site auch eine andere Rolle als vorher, so wie sich mit dem Internet auch das gesamte Wesen des Schreibens verändert: Ein Großteil der Kommunikation findet längst dezentral statt. Man lenkt nicht mehr um jeden Preis Aufmerksamkeit auf das eigene Angebot (es sei denn, Traffic ist ein Geschäftsmodell).
Diese private Website ist eine Art Aggregationskonglomerat, sie führt Kommunikationsstränge aus verschiedensten Quellen zusammen bzw. verlinkt einfach nur. Warum? Die Aufmerksamkeit im Web bewegt sich in einem unaufhörlich fließenden Strom, der auf den großen Plattformen am breitesten wird. Einzelseiten regelmäßig zu besuchen, ist deswegen meist viel zu uneffektiv. Man kann das bedauern, es ist aber so. Das ist auch gar nicht die entscheidende Frage. Die lautet eher: Was soll das alles? Gibt es eine echte Verheißung? Wer nicht direkt mit dem Internet Geld verdient (beispielsweise als Programmierer), tut gut daran, sich zumindest damit auseinander zu setzen, was da passiert. Besonders dann, wenn Kommunikation die eigene Profession ist. Die Schnelligkeit des Mediums verleitet zu einer Oberflächlichkeit, der ich mich entziehen will. Der Schauspieler Sean Penn hat mal in einem Interview den bemerkenswerten Satz gesagt “Niemand nimmt sich Zeit, der zu werden, der er ist“. Im Netz von morgen ist nicht mehr der Raum das ordnende Prinzip, sondern die Zeit. Ein privates Weblog dient vom Ursprung seiner Idee zuerst dem Erinnern, Festhalten, Dokumentieren, dem Verarbeiten: Am besten, man bloggt, weil man selber nochmal über was nachdenken will. Das ist ein Prozess, der zeitverzögert stattfindet, und der inhaltliche Relevanz vollkommen anders betrachtet als eine Seite, die mit anderen um Aktualität konkurriert. Mein Blog ist eher ein Notizbuch: Ich halte wahllos fest, was im Strom vorbeischwimmt und mir gefällt. Es gibt nicht “das Internet”: Das Internet gibt jedem seinen eigenen Lebensstrom. Das Internet ist so gut, böse, so schnell, langsam, vielfältig, brillant, ungezogen, inspirierend oder langweilig wie Menschen nun mal sind, wie jeder für sich das Internet wahrnimmt (es lohnt sich, über selektive Wahrnehmung nachzudenken und was das bedeutet in einem digitalen Universum, das jede Richtung selektiver Wahrnehmung füttert).
Für mehr eigene Texte fehlt mir schlicht die Zeit (wer behauptet, für irgend etwas keine Zeit zu haben, meint ja bekanntlich, andere Dinge des Lebens seien wichtiger. Und das sind sie auch: die Familie, echte Freunde im realen Leben, meine Kunden, das Team). Dass ich selbst kaum schreibe, ist bei aller Eitelkeit nicht besonders tragisch. Im Gegenteil. Meist muss man nicht lange warten, um, was einem durchs Oberstübchen geistert, von irgendwem aufgezeichnet im Internet zu finden, oft besser und differenzierter als man es selbst je hätte tun können – und dann reicht ein Link oder mehrere. Mir nutzt das hier eher indirekt: Nunmehr im zehnten Jahr betreibe ich eine kleine aber feine Agentur für Marketingkommunikation in München. Akquise funktioniert für mich nach wie vor anders als mit Hilfe einer privaten Webseite, und mein geschäftskritisches “Social Networking” findet mit Menschen statt, bei denen das Internet eher am Rande ihres Relevanz- und Entscheidungshorizonts vorkommt. Das mag sich ändern, langsam oder schnell, ein Grund, alles über den Haufen zu werfen ist es nicht.
Also doch nur Zeitverschwendung? Fast alles, was Spaß macht ist Zeitverschwendung. Was wirklich nutzlos war und was hilfreich, lässt sich ohnehin immer nur rückblickend erkennen. Wie oft hat sich das scheinbar Nutzlose als Gewinn entpuppt, während das Zielgerichtete geradewegs in der Sackgasse endete. Vielleicht findet Fortschritt überhaupt nur so statt: in Spiralen, Abweichungen, Sprüngen, Brüchen, an den jeweiligen Rändern, nicht aus der Mitte, als Mischung aus Spielerei und Zufall, oft unbeabsichtigt, als perpetual Beta, als immerwährender Prozess, bei dem nichts je fertig ist und Perfektion das falsche Ziel wäre, an Stelle kontinuierlicher Auseinandersetzung und Entwicklung. Dies ist das Zeitalter des Nonlinearen und der Experimente mit offenem Ausgang.
Hätte man alles auch kürzer sagen können? Selbstverständlich: Was nicht mit Elefanten zu tun hat, ist vollkommen irrelefant. Oder wie Peter, hier, hier und hier. Danke!