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Eigentlichkeitssabbatical

72 Prozent der Deutschen glauben, dass man in fünf bis zehn Jahren nicht mehr gut in der Bundesrepublik leben kann, sagt eine Umfrage der “Welt” / an Länder denken, in denen ein paar Euro monatelang zum Leben reichen / in denen keine Heizung nötig ist, kein Wintermantel und keine Anzüge im Schrank / in denen sich die Ansprüche von selbst reduzieren / der Luxus der Zukunft verabschiedet sich vom Überflüssigen und strebt nach dem Nötigen: Ruhe / an die Menschen denken, die einen Monat auf den Beinen sind für umgerechnet zehn Euro, und die trotzdem lachen / sich fragen, warum man diese Menschen eigentlich beneidet / darüber nachdenken, ob das Schielen nach alternativen Lebensentwürfen nichts weiter bedeutet als einfach zu wenig zu wissen von den Leiden des jeweils anderen Lebens / nachrechnen, wie lange man sparen müsste, um ein paar Jahre in einem fernen Land zu leben / überlegen, welches Land es sein würde / den großen Atlas hervorholen und sich in feinen Linien verlieren / sich ausmalen wie es wäre, Zeit zu haben zum nachdenken, zum schreiben, am Strand zu laufen, zu fotografieren / sich fragen, warum Strand eigentlich so wichtig ist / sich fragen, ob die sich mit der Ruhe einstellenden Ideen und Pläne einen nicht unweigerlich nach kurzer Zeit zurücktreiben würden in Rastlosigkeit und neue Geschäftigkeit.

Sich eine kleine Existenz ausmalen, einen Kiosk, einen Tauchpunkt mit Boot, ein Restaurant mit großer Terrasse / fette Boxershortärsche und rotgegrillte Prolls mit Drecksmanieren drücken in den Gedankenpark / die Idee mit dem Restaurant gleich wieder verwerfen / sich vorstellen, wie sich durch einen solchen Lebensabschnitt die Sicht auf die Dinge verändern würde / sich überlegen, wie lange man in der Lage wäre, das Schöne wahrzunehmen, wenn das Außerordentliche Alltag wird / überlegen, welche Unerträglichkeiten die euphorische Seele ausblendet / sich eingestehen, dass ein solcher Traum keine Perspektive auf Dauer wäre / sich eingestehen, eigentlich zu weit zu sein – und ja, auch schon zu alt / da draußen ist die ganze Welt / so groß, so unüberschaubar / es gäbe dort so viel zu erleben / zu viel / da bleiben sie lieber zuhause / Schiffbrüchige im Meer der Möglichkeiten / Selbstverwirklichung war / im Selbst, das hat sich herausgestellt, ist eben auch nichts los / darüber nachdenken, dass Glück nichts zu tun hat mit dem richtigen Strand / mehr mit dem richtigen Tun / die Frage ist ja nicht, wie man überlebt / sondern wie man es in Würde und in ganzen Stücken tut.

Darüber nachdenken, ob man am Ende einer solchen Erfahrung einer beschleunigenden westlichen Leistungskultur noch gewachsen wäre / was eigentlich so erstrebenswert, nein, erhaltenswert ist an einer westlichen Leistungskultur / Extrempositionen sind allesamt interessant, aber sie treffen nie die Wirklichkeit / sich wenigstens ein bisschen mehr Sonne wünschen und weniger Winter / nur etwas mehr als ein Viertel der Deutschen glauben heute daran, dass es sich in fünf bis zehn Jahren noch gut in der Bundesrepublik leben lässt / eigentlich müsste man sich darüber klar werden, was “gut leben” tatsächlich bedeutet / darüber nachdenken, welche Rolle die Einschränkung “eigentlich” in Sätzen spielt / sich eingestehen, dass man es dann im Grunde genommen anders meint oder das Gesagte eben nicht tut / laufen gehen, um das Denken mit Sauerstoff und Endorphinen zu bestechen / “eigentlich” ist ein vollkommen überflüssiges Wort.

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