Andreas Göldi beschäftigt sich auf netzwertig.com mit der Frage, warum sich viele Führungspersönlichkeiten so schwer mit sog. disruptiven Techniken tun: “Warum der Umgang mit Disruptionen so schwierig ist”
Ich möchte einige Gedanken ergänzen:
1. Managern fehlt der Unterbau an verknüpftem Wissen zu neuen Trends: Ein Phänomen wie Twitter lässt sich nur sehr schwer fassen, wenn man von Bloggen nichts mitbekommen hat bzw. schon Bloggen für irrelevant hielt. Das vergleiche ich gerne mit komplexen und hoch entwickelten Computerspielen: Viele Genrevertreter (Rollenspiele, Adventures, Strategiespiele) sind nichts für Einsteiger. Man muss im Laufe seiner Computerspielkarriere bestimmte Lösungslogiken und Spieltechniken schon kennengelernt und eingeübt haben, um für das neustes Spiel ein entsprechendes Lösungsinstrumentarium parat zu haben. Dies ohne Vorkenntnisse zu schaffen, ist zwar nicht völlig unmöglich aber weitaus mühsamer als mit Vorkenntnissen – auf dem Weg geht schnell die Motivation verloren. Ein Manager wäre also vielleicht ein gewiefter Poker- oder Schachspieler – aber ein lausiger Anfänger bei einem solchen Computerspiel. Welches Spiel würde er vermutlich bevorzugen?
2. Im Web 2.0 kommt ein zusätzlicher Faktor dazu: Führungspersönlichkeiten sind darauf angewiesen, dass ihnen Trends in evolutionsähnlichen Kaskaden nach oben zugetragen werden, von Medien und Personen ihres Vertrauens. Meist braucht es mehrfach den gleichen Impuls aus verschiedenen Quellen, um die Schwellenreaktion auszulösen “Mist, darum muss ich mich jetzt endlich mal kümmern”.
Im Kulturkampf um die Nachrichtenhoheit passiert jedoch das exakte Gegenteil: Viele klassische Qualitätsmedien (die von 50-jährigen Männern gelesen werden) haben kein besonderes Interesse daran, jenen Neuerungen Vorschub zu leisten, die sie in ihrer Existenz bedrohen – Webtrends dringen dadurch noch später nach oben durch. In Managementkreisen gilt es mitunter sogar als en vogue, gar keinen Computer am Arbeitsplatz zu haben, sich Mails ausdrucken und von der Sekretärin ins Zimmer bringen zu lassen “PCs sind fürs Fußvolk”: Man kann es sich leisten, sich nicht mit diesen Zeitfressern auseinandersetzen zu müssen.
3. Last not least “die Prioriätenfalle”: Weil nicht Zeit für alles ist, muss die Entscheidung, wofür die knappe Zeit investiert wird, fast zwangsläufig nach Ertrags- und Renditegesichtspunkten fallen – viele Neuerungen werden also quasiautomatisch ausgeblendet (imZweifelsfall muss ein Großteil der Zeit in interne Machtkämpfe investiert werden). Megatrends erfordern jedoch einen erheblichen Zeitvorlauf: Twitter z.B. mit seinem Universum von Tools, ohne die man den Dienst gar nicht richtig nutzenbringend einsetzen kann, steht prototypisch für das Freakstadium einer Plattform. Dem Außenstehenden bleiben die Perspektiven also schon deswegen sehr lange unzugänglich, weil die Auseinandersetzung mit der Detailtiefe einen Zeiteinsatz erfordert, den eine Führungspersönlichkeit Kraft ihres Amtes nicht aufbringen kann: Man würde ihr zu Recht vorwerfen, sie verschwende ihre Zeit und könne Prioritäten nicht richtig setzen.