Der Fluss vom Regen angeschwollen und ganz braun. Der Wasserstand kratzt an der roten Marke, steigend. Rot heißt: zu hoch, zu reißend, unfahrbar. Noch eine halbe Stunde, sagen die Guides, dann haben wir Rot, also rein jetzt, bevor es zu gefährlich wird. Der beste Wasserstand dieses Jahr, sagen sie und freuen sich auf den Ritt. Starke Böen und einsetzender Regen.
Ungläubige Spaziergänger ducken sich unter ihre Schirme und beobachten uns von der nahen Brücke. Die wollen doch nicht da rein! Doch, die wollen da rein. Ein, zwei Paddelschläge, und die Strömung erfasst die Schlauchboote. Rasch flussabwärts. Nach wenigen Metern die ersten Brecher im Boot. Eiseskälte, trotz Neopren. Plötzlich eine steile Welle, querstehend, einige halten sich nicht richtig fest, rutschen auf die Gegenseite, das Boot kippt, kentert. Kieloben flussabwärts. Acht Schwimmwesten im Tosen. Weiß verkrampfte Hände an den Halteseilen, bloß nicht loslassen. Sand knirscht zwischen den Zähnen, Wasser in Mund, Nase, Augen und Ohren. Routine für die Guides. Boot drehen, Leute reinzerren. Ein Paddel ist weg. Wer kentert, zahlt eine Kiste Bier.
Wer sich nie vorstellen konnte, wieso ein Tsunami so viele Leben fordert, soll nur drei Minuten in diesen reißenden Gletscherfluss, mit Helm, verstärkter Schwimmweste und Halteseil am Schlauchboot, ohne Hindernisse, ohne Trümmerteile im Wasser, er wäre sehr sehr kleinlaut danach. Bizarre Gewalt. “This is not Disneyland” grinst Paul, unser Guide aus Liverpool. Er macht das seit 14 Jahren. Im Winter ist er in Nepal, Indien oder sonstwo auf dem Globus unterwegs. Simone findet ihn toll. Später Schnaps und Sprüche. Wir Postheroischen ohne Ziel.