Er war*, wie die meisten seiner Mitmenschen, unfähig zu erkennen, welche Art von Leben ihn glücklicher machen könnte als jenes, das er führte. Die entsetzliche Angst vor einem anderen Leben ließ ihn sich festklammern an diesem, obwohl er fühlte, wie sehr es ihn unglücklich machte. Stillschweigend nahm er an, alle um ihn herum seien um ein Vielfaches erfolgreicher und glücklicher als er selbst, unterschied sich aber gerade durch diese Annhame in nichts von ihnen. Wie alle anderen hätte er alles getan, um seine wahren Gefühle zu verbergen.
Sein knappes, durch das Hochziehen der Augenbrauen wie eine Gegenfrage formuliertes „gut“ auf die Frage, wie es ihm gehe, würde erzählen von seinem Wunsch, jemandem sein Herz auszuschütten. Jeder würde wissen, dass die Antwort lautete „im Grunde genommen beschissen, aber das geht dich einen Dreck an!“ Dabei ging es ihm nicht wirklich schlecht. Seine Anpassungsfähigkeit war Segen und Fluch zugleich: Sie ermöglichte ihm das Ausharren in untragbaren Zuständen und macht es ihm durch reine Gewohnheit nach kurzer Zeit unmöglich, sich aus seinem gegenwärtigen Unglück fortzubewegen und hinderte ihn daran, ein zukünftiges vages Glück suchen zu gehen. Hätte ihn nicht die Angst davon abgehalten überall dort zu sein, wo es gut sein könnte, es wäre ihm womöglich aufgefallen, wie wenige tatsächlich privilegiert sind, dass er womöglich selbst einer dieser Privilegierten war.
* Mein Gegenüber in der U-Bahn starrt glasig an mir vorbei ins Leere und erzählt mir seine Geschichte, ohne den Mund geöffnet zu haben. Ein ganzer Zug unter der Erde voller Starrender. Sie wissen es.